Eine vierte war noch da, von der ich noch reden werde. Aber laßt mich bei der gestirnten Nacht noch einmal verweilen. Meistens trat sie erst, nachdem der Tag zu Ende war, scheinbar ausgeruht, in ihrer düsteren Pracht hervor, blieb dann bis zum Hahnenschrei, wie die Braut von Korinth, und hielt ihre Tänzer in Atem.
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ANFANG SEPTEMBER. „Ich hörte lange nichts von euch“, schrieb ich an Fortunio. „Was Sie nur treiben?“
Mein Fuß war endlich hergestellt und einer längeren Fußtour gewachsen. Eines Morgens verließ ich früh das Palace Hotel in Bluse und Rock, einen Sack umgeschnallt, in dem ich eine ganze Reisetasche leerte, und einen eigens dafür erstandenen Strohhut, der so tief hereinfiel, als man wollte. Also ausgerüstet, zog ich nach Maloja, schlug aber bald den Waldweg ein, denn die zahlreich einherrollenden Wagen hüllten die Straße in Staub. Frech auf den Polstern ausgebreitet, mit befriedigten Mundwinkeln, fuhr ein Schieber nach dem andern froh zu Tale, oder dem Julier entgegen; ein feister und wohlgemuter Korso: der Krieg durfte noch dauern.
Am andern Ufer der Seen jedoch wand sich ein stiller Weg um jede Bucht, nimmermüde, sie zu umschreiben, leis umplätschert, geduldig und verliebt.
Ich riß den Hut vom Kopfe, steckte ihn in den Sack, und ließ die Stirne frei von den Gletscherwinden umwehen. Es war so schön, wieder schnellen und gesunden Fußes durch die Wälder zu gehen, die bis in ihren tiefsten Schatten von Licht und Hitze durchhaucht, statt des Staubes einen Geschmack von Harz und Erdbeeren auf die Zunge trieben. Ganz plötzlich wurde es kalt. Hoch am Himmel hielten die Wolken Rat, ob sie sich zusammenballen und den Herbst eröffnen sollten. Dann zerstreuten sie sich wieder und ließen die Sonne durch. Aber es war ganz deutlich, daß sie sich nur vertagten.
Spät am Nachmittag saß ich in der berühmten Konditorei von Sils Maria, als ein Wagen vorfuhr, dem die vierte Schöne des Palace Hotels in Begleitung ihres Liebhabers entstieg. Es war die notorische liaison des diesjährigen Sommers. Er, so stolz auf seine Figur, daß er Modell stand, sowie man nur hinsah, aber dabei das Entzücken seines Schneiders mit dem des Malers verwechselte; die Stirn niedrig und leer, wie die eines Stallbediensteten, und einen der Anlage nach gewiß nicht groben, aber schon stark vergröberten Kopf. Bald, sehr bald würde von dem ganzen Zauber nur noch die Hengstallüre übrigbleiben.
Die Schöne hatte am nächsten Tische Platz genommen, so daß ich ihre kühle und strahlende Erscheinung mit Muße betrachten konnte. Der Schmelz, die Zeichnung der Brauen und des Ovals, die Augen, wie große, kostbare Edelsteine eingesetzt, waren die eines vollendeten Renaissancegesichtes. Man konnte sich kein typischeres denken. Ihr Lächeln beunruhigte. Und doch war sie so jung! Jugend hielt noch, wie die Staubfäden einer Blüte, Fesseln und Gelenke zusammen. Sie hatte sich erst ihres Schleiers entledigt, nun folgte der Hut. Sie legte ihn neben sich hin. Ihr Haar, mit unerhört raffinierter Schlichtheit getragen, umschmeichelte nur die Schläfen mit seinem Gold und ließ die Stirne frei, jetzt wandte sie den Kopf. Da aber kam ein platter Hinterkopf zum Vorschein, der Kopf der Viper, da woben schon unendlich leise Fäden an ihrer künftigen Häßlichkeit, und da kündete sich von fern der nach außen gerichtete, erinnerungslose Blick der Vierzigerin, ohne Rückwärtsschauen . . . Lange blieben die beiden nicht, stand doch die lange Fahrt noch aus, und mußte sie doch ruhen, bevor sie sich langsam wieder schmückte zum spätesten aller Diners. Nicht nur mit ihren Abendkleidern, auch durch spätes Erscheinen wetteiferten nämlich die Damen im Palace. Konnte auf der Welt etwas ordinäreres sein, als schon um neun zu Nacht zu essen? Und war dies nicht der Gipfel?
Ihr Geliebter legte ihr jetzt den Umhang über, mit jener tiefen Ehrerbietung, die ein solcher Mann einer solchen Dame gegenüber, die solche Perlen mit in die liaison brachte, empfinden mußte. Auf seine Hand gestützt und von den Kindern des Dorfes umstaunt, schwang sie sich auf das Gefährt und griff in die Zügel.
War es Einbildung? Hatte der Jammer des Krieges meine Augen geschärft? In dieser zarten und köstlichen Gestalt hatte ich deutlich den Brustkasten der Kindsmißhandlerin gesehen. Welch ein Scheinleben kutschierte da dahin? Das leichte Getrapp ihrer Pferde, dann das Echo ihres Getrappes hallte noch lange von den Felsen herüber.