Was war es, das mich so feierlich stimmte?
In den Gasthäusern und Hotels ging jetzt überall ein Klappern von Tellern und Bestecken los. Es wurde geläutet und gegongt, und wer nicht im Restaurant aß, der mußte sich bescheiden, vorgekochtes der Reihe nach zu essen; ein Zwang wie ein anderer. Da war es schöner, noch etwas zu streunen.
Ein ungewöhnlich starker Mond stand in seiner ganzen Fülle; es wuchsen die Berge unter seinem Hauch, das Dorf erblaßte wunderbar, eine graue Bank ward ganz sie selbst. Die Funksprüche der sich bereitenden Nacht liefen wie toll alle Täler entlang, und schon waren alle Täler berauscht. Auf dem Platze hielt ein Gespann, die Gäule hielten die Köpfe gesenkt, als ob sie träumten. Ich lief hinzu. Es war die Post, die nach Maloja fuhr. Es gab noch einen Platz. Ich sprang hinein. Die Pferde zogen an. Bevor wir noch das Ufer erreichten, stieg ein Reisender aus. Außer mir blieb nur ein Liebespaar, das sich an den Händen hielt. Es war sich Mondschein genug.
Den Kopf hinausgestreckt, trank ich diese Nacht, und hatte sie für mich allein. Nichts war mehr, wie es war. Der See lag im Silberschleier regungslos wie eine Tote, und der Mond goß Myrthensträuße über sie herab. Nur das Gras des Ufers erhob sich in gespenstiger Lebendigkeit. Sicher war es nur ein Spiel der Luft, daß die Berge hier zerfielen. Blöcke sich lösten, als sei die Welt zu Ende; Felsensäle bauten sich in die Klüfte ein, Riesengemächer warfen sich dazwischen. Es konnte nicht sein, und so sah die Welt nicht aus. Auch die Liebesleute waren anders wie zuvor. Dieser edle Pensieroso stieg als ein unscheinbarer Tourist in Sils Maria ein, und sie hatte weder dieses Haar, noch diese Lippen gehabt. Morgen würde hier die Sonne auf ödes Schilf vielleicht hinbrüten und das Paar nicht zu erkennen sein.
Als um ein Uhr morgens der Wagen mitten in Maloja hielt, stieg es wortlos aus. Ich hatte kein Quartier bestellt und kam nicht unter. Außerhalb des Ortes lag noch ein Hotel. So marschierte ich jetzt allein die taghelle Straße weiter, geradeswegs auf einen neuen Absturz zu. Dort stand das Haus. Ein junges und verschlafenes Mädchen führte mich über manche Treppe hinauf: zufällig stünde das einzige Zimmer frei, das für Gäste reserviert blieb. Alle andern hielt während des Krieges die Militärbehörde in Beschlag. Die nächste Poststation sei italienisch.
Sie reichte mir eine Petroleumlampe und verschwand. Die Stube hatte zwei Fenster und war schneeweiß. Ich warf den Kopf weit auf die mondbeschienenen Kissen zurück. So angelangt!
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Aber nicht lange, und der einsetzende Kampf zwischen dieser Mondnacht und der Dämmerung weckte mich aus dem Schlaf, Nebel mischten sich hinein und wollten alles für sich. Endlich ragten Tannenspitzen ins Leere; der Absturz war kein olympischer; eine Straße schwang sich, breite Kurven nehmend, in die Tiefe.
Gedulde dich, Leser, auch dies Buch geht jäh zu Ende. Folge mir noch. Hoch steht schon die Sonne über das Bergland, ein anderes freilich als der vergangenen Nacht. Von ihrem Spiel erholt, verströmt der See sein Blau, nach allen Seiten, ganz verbuhlt. Myrthensträuße und Schleier sind vergessen und hängen als weiße Fäden im Gesträuch.
Wie seltsam ist die innere Stimme in uns! Welcher Stachel hatte mich zu dem hart an der Schwelle des aufgerissenen Gebirges und kaum, daß es tagte, hinauf, hinab und wieder emporgetrieben, wo sich zu höchst der Wälder und noch in ihrer Mitte der See entzieht, verborgener Tränen zerflossener Kristall, ohne Kahn und ohne Erdenstaub; und dann wieder zurück in die Gaststube, um zu zahlen, und dann wieder aufzubrechen, mit der umgehängten Tasche und dem lächerlichen Hut, an der Waldseite des Sees den Weg einzuschlagen, den ich jetzt lief. Es war ein Notbehelf! Ich lief, um nicht zu tanzen. Denn ich war inmitten eines Festes. Umgeben und geborgen, als sollte die Gehobenheit nicht wieder von mir weichen, erreichte ich ein Dorf, das als Landzunge weit in den See hinausstieß und jenseits der Zeiten zu liegen schien. Eine alte Frau saß auf einer Bank vor ihrem Hause, und ich bat sie, mich drinnen ausruhen zu dürfen. Wir verstanden einander nicht, aber die Müdigkeit spricht ihre eigene Sprache zwischen Frauen. In einer Stube des Erdgeschosses, die durch ihre edle Sauberkeit den Eindruck des Luxus erweckte, stand eine schmale, gepolsterte Bank. Dort schlief ich auf der Stelle ein.