Als ich erwachte, war der Tag noch hell, aber schon gebräunt vom Golde des Abends, und ich mußte eilen, um vor Anbruch der Dunkelheit in Sils zu sein. Auch für mein Herz ging jetzt die Sonne unter, und das Fest verklang. Von den Strapazen ausgeruht, war es zugleich, als sei mir durch den kräftigenden Schlaf, wie ein Alltagszwilch, ein gröberes Ich übergeworfen als das, welches seit gestern das meine gewesen war. Ob wohl mein Koffer eingetroffen sei, wo meine Brotkarte stecken konnte, wo ich absteigen sollte, derartiges beschäftigte mich wieder. Aber ich spreche von verloschenen Kronleuchtern, oh Leser, und du weißt noch nicht, warum sie brannten?

Aber vielleicht hast du erfahren, daß es Träume gibt, deren Nachhall, statt zu verklingen, sich bleibend, wie ein Echo zwischen Klüften, in unserem Innern fängt. — Solcher Art war der durchdringende Ton der Mondnacht in Maloja.

Es ist nicht gleich und nicht vergänglich, wie sich die Kurve eines Fußes, der Umriß einer Schulter anläßt, wie ein Knie sich rundet, wie eine Hüfte fällt. Es ist das Flüchtigste nicht gleich. Und ganz und gar nicht gleich, noch zufällig ist es, welchen Ganges wir den Hügel abwärtsgehen. Hochzeitlich können solche bald versenkten Dinge unverloren weiterschwingen.

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Die Wolkenversammlung war noch immer nicht anberaumt; vielmehr vertiefte sich am nächsten Tage das weiß des Himmels und musizierte mit dem Himmelsblau über das Fextal, das bewegteste der Erde, auf und nieder schwingend wie eine Schaukel. Ragte, von unten gesehen, ein Kirchlein zu oberster Schneide für sich allein, so stand es, war man oben, ganz unsensationell in einem Wiesenviereck, und sein rostiges Gitter knarrte im Winde, und nur die Berge rückten verändert und entschlossener zusammen. Wieder in der Tiefe und weit hinausgeschoben, richtete ein Gasthaus seine Glasveranda dem Gletscher entgegen. Auf ihn ging ich jetzt zu. Doch mit dem Lichte wandelte sich mein Gemüt. Es brütete milchweiß von einem hohen, aber sich überziehenden Himmel. Hinter mir fuhr ein kleiner Wagen her. Darin saßen zwei Herren, die angeregt mit einer noch jungen Dame plauderten. Aber der Weg hörte bald auf, fahrbar zu sein, und ich verlor sie aus den Augen, graugrünes Nadelgehölz war um mich her und der entfärbte Fluß zu meinen Füßen. Stolperte ich jetzt und stürzte ich hinab, wer würde mich vermissen? In welchem Hause entstand eine Lücke, wenn ich nicht wiederkam?

Kein Dach, kein Herd, kein Wesen; überall zu Gaste! keinem Menschen ungeteilt und wirklich zugehörig; als immer wiederkehrenden Gefährten die entsetzliche, gefürchtete Melancholie, die ich so feige, so vergeblich floh. Nun stellte sie mich angesichts dieses Tales der Verlassenheit. Wozu bist du hier? herrschte mich seine Stille an.

Der sonnenlose Himmel über dem Nadelgehölz, mehr noch der Fluß, dem Gletscher hier entlassen, und seinen Lauf so blaß beginnend, griff ans Herz.

Plötzlich stand die noch junge Dame vor mir und sprach mich bei meinem Namen an. Nun war stets meine erste Sorge, daß er in keine Hotelliste kam. „Woher wissen Sie, wie ich heiße?“ fragte ich und wollte die Spröde spielen; aber da gab sie mir zu wissen, daß sie meine Bücher kenne. Sie lebte in Genf und war Amerikanerin. Wir wechselten einige Worte, dann stieg sie wieder hinab. Gleich darauf rollte das Wägelchen mühsam aufwärts, in dem die noch junge Dame mit ihren Freunden plauderte. Gewiß — man sah es ihr an — standen, wenn sie nach Hause kam, ihre Abendschuhe bereit, und ein freundliches, ihr ergebenes Zöfchen half ihr, sie anzulegen. Wie verwahrlost ich war!

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Als ich am Morgen darauf erwachte, lag weithin Schnee. Ich klingelte entsetzt. Der erste Postwagen brachte mich ans andere Ende des Tales, zum Zuge, und schnell in eine vom Winter noch nicht heimgesuchte Welt hinab, wo Zürich einer entbrannten Ebene zulief, die von der Glut des Sommers weiterträumte. Hier reißt der See ein weites Fenster nach dem Himmel auf: es ist die hellste Stadt der Welt.