Aber von hier aus jagte mich eine dringende Depesche Fortunios fort, der mich bat, sofort nach Spiez zu kommen, mit dem Zusatz: „Besitzer auf zwei Tage verreist.“
So war ich abends unterwegs zur Villa des Geölten, die ich nicht wieder zu betreten glaubte. Da war das Gitter, der Kiesweg, der sich so schnell verlor. Man sah das Haus erst, wenn man davor stand.
Fortunio aber war schwer krank. Verfallen, zerfurcht, zerwühlt. Wir aßen im Schloßhotel zur Nacht und besprachen die Abreise für den morgigen Tag. Ich fühlte meine Arme erstarken, in dem Wunsch, ihm zu helfen, und unser schier geisterhaft geschwisterlicher Bund war durch die Trennung neu erhellt. Am nächsten Tage aber lag er zerrüttet, ohne Energie.
„Morgen, morgen“, sagte er. Ich reiste ab, nach Bern, Fortunia zu alarmieren. Ihr Gesicht erinnerte an ein von schwerem Regen heimgesuchtes Land. Ohne Schonung schilderte ich seinen Zustand und ließ dann die Sache bei ihr. Um nicht in Bern zu bleiben, fuhr ich abends nach Montreux.
HERBST 1918.
Montreux.
Nur lachenden Auges werden hier die Zeitungen gekauft. Der Belgier und sein Kind waren ohne Schadenfreude. Die Filme arbeiten schon stark mit elsässischen Hauben. Sie werden lebhaft beklatscht, in der Voraussetzung, daß sie nicht mehr lange deutsch bleiben. Schließlich ein begreiflicher Jubel. Entsetzlich ist nur der Applaus, als englische Munitionskammern aufziehen, emsig mit Granatendrehen beschäftigte Frauen und Geschosse in unabsehbaren Reihen. „Gehen wir!“ rufe ich, und wir verlassen das Haus. Süß schlagen die Wellen ans Land. Die Berge des andern Ufers erheben sich unmittelbar, als gründeten sie in den Tiefen des Sees. Sie sind kahl und scheinen dennoch weich, selbst im Dunkel der Nacht; wie Gesänge abgestuft, steigen und fallen und treten zurück und verhallen die Berge Savoyens.
5. OKTOBER. Glasenfrosts in Villeneuve geben mir die Nachricht, daß Deutschland um einen Waffenstillstand nachgekommen ist: Mein einziger Wunsch ist, es möge die Welt, die es als Sieger verloren hatte, als Besiegter wieder für sich gewinnen. Die In-die-Knie-Zwinger Britanniens, die ohne Briey nicht leben konnten, sind mit einem Male still.
6. OKTOBER bis Anfang NOVEMBER.
Fortunios sind angekommen, sie wohnen in Vevey, und er erholt sich. Zum ersten Male bildete sich unser Zusammensein als heller Punkt und geordnete Fläche heraus. Augenmerk und Sorge sind durch die Ereignisse zu sehr in Anspruch genommen, um uns bewußt zu werden, wie sehr es einem bekränzten Floß inmitten schwarzer und gestoßener Fluten glich; Und wie hätten wir da anders als in der Erinnerung wahrgenommen, daß wir schöne Tage verlebten?