A. H. Pax ist aus Bern gekommen. Der Belgier und sein Kind finden sich regelmäßig ein.

Dabei wütete die Grippe. Viele Särge harrten der Bestellung. In den Blumenläden häuften sich die Kränze, Halbgenesene, in tiefer Trauer, traten leichenblaß das erstemal vors Haus.

Doch die Zärtlichkeit des Herbstes, seine Zärtlichkeit und sein Verweilen, seine Glorie ward unendlich.

Eines Nachmittags strichen wir in den Höhen des Weinberges entlang. Unter einem silbern aufgerollten Himmel dehnte sich der See, schimmernd, unbewegt, ein wenig müde . . .

Plötzlich, mit einem Ruck, fuhr der Wind weit und durchdringend auf, als stöhne er die ganze Erdkugel entlang das Ende der schönen Jahreszeit hinaus.

Im Nu schlugen die Wolken über die Sonne hin. Fortunio hatte den Kragen aufgesteckt, sein Hut rollte den Berg hinab. Wir lachten. Doch der Weg war weit. Schon wußte der See nichts mehr von seinen Ufern. Unter Nebelschauern waren alle Berge, ja wir selbst, unsichtbar.

Am nächsten Morgen war für jedes Kind ersichtlich, daß Fortunio die Grippe hatte, aber wir taten nicht dergleichen. Statt im freien, versammelten wir uns an seinem Lager. Man hielt es in jenen Tagen allein nicht aus. Bang und fröstelnd rückte man zusammen. Denn auf dem Streitroß, dessen Nüstern von Hoffart, Haß und Vergeltung sprühten, und wie ein Sturmgott kam ja der Friede heran. Wehe, es war jener Gewaltfriede, jener Macht- und Siegfriede, von dem in Deutschland so viel geredet worden war, und den abwehren zu wollen, den zu fürchten, als ein Verbrechen galt.

Und indessen lösten sich in unserer kleinen Gruppe hineingetragene Dissonanzen weiter aus, und statt der chronischen Trübungen stimmten sich ganz ohne unser Zutun unsere Gemüter wie Instrumente zu täglicher, reinerer Melodie. Fortunias Gesicht glättete sich und erlangte seine Pinturichiotöne wieder, und während der Aufruhr stieg, bildeten wir eine uns selbst unvergeßlich gewordene Insel des Friedens.

* *
*

Als sich die Sonne nach einer Regenwoche wieder zeigte, war die Welt eine andere. Das Renommierboot mit seinem rostbraunen Segel zog wieder auf, aber es blähte sich über ein gesteiftes und gepeitschtes Blau; die weißgeharnischten Berge waren näher gerückt, und wo das Laub noch grün geblieben war, hatte es ausgeträumt, hing ohne Illusion, des Todes gewärtig, und daß es fallen würde. Im Hotel spielte die Heizung, und ein von sich überzeugtes Ehepaar: le Vicomte Edmond de la Province, einem Roman von Claude de Bernard entlaufen: Madame korrekt bis ins Grab hinter der vorangetragenen Corsage, Monsieur im Bart, Schloßbesitzer, zogen schweigend über Flur und Treppe, und faszinierten durch ihre abgründige Zurückgebliebenheit.