Unsere Gruppe indessen hatte sich verkleinert. Erst war der Belgier und dann sein Kind erkrankt. A. H. Pax saß wieder in der Choisystraße. Das alte Deutschland stürzte wie eine Kulisse zusammen, und Trümmer waren fürs erste der einzige Ausblick. Fortunio, von Ungeduld verzehrt, erklärte aufstehen und nach Berlin reisen zu wollen. Fortunia fuhr nach Bern, das Haus für die Abwesenheit zu bestellen, und ich folgte mit ihm den Morgen darauf. Wir saßen einander im Zuge gegenüber, sein Husten war ein Gebell. Am selben Nachmittage brachten wir Fortunios mit Pax an der Spitze, zur Bahn und ließen sie, wie Flammen über das Moor, ins Weglose ziehen. Denn schon fluteten die aufgelösten Heere in unbeschreiblicher Verwirrung aus den besetzten Gebieten ins Land zurück. Die Lauben hinabsehend, unschlüssig wo ich absteigen sollte, versagten mir plötzlich die Knie, Fröste wie graue Blitze durchfuhren mich, und mein Husten war ein Gebell. Diese nicht zu verkennenden Symptome jagten mich wieder an die Station, um mit dem letzten Zuge nach Montreux zurückzufahren. Denn lieber, als angesichts des Gurten wollte ich dort erkranken, wo im Hotel Suisse als chefesse de réception eine so angenehme Erscheinung waltete, und ich den Nachtportier zum Freund besaß, ein komischer, alter Schwabe, den ich deutsch ansprach, sowie der Lift ohne Insassen und in der Schwebe war.
Nun war es Sonntag. Das heiße Wasser also lief. Vielleicht vertrieb mir eine heiße Dusche den Frost. Aber das Wasser war schon lau. Dafür gerieten die grauen Zickzackblitze in Brand und drückten mir eine Feuermütze ins Genick. Da ließ ich mich denn grippekrank melden und stellte anheim, mich aus dem Hause zu schaffen. Aber die angenehme Erscheinung aus dem Bureau kam herauf, mich zu beruhigen. Dann äußerte sie einige unverständliche Dinge und verschwand. Bald darauf trat ein Mann herein, den ich für einen Raubmörder hielt, gefolgt von einem fürchterlichen und handfesten Weib ohne Kopf, seiner Helfershelferin. Ich wollte rufen, da hatten sie mich schon gepackt. Jetzt, dachte ich, ist doch alles eins.
Eine Stunde später lag ich mit aufgerissenem Rücken, geschröpft wie ein Hengst. Ich erzähle dies nur, weil ich dank dieser so immediaten und buchstäblichen Roßkur schon nach zehn Tagen, statt vielleicht nach Wochen, die Grippe spurlos überwand.
Mittlerweile erdröhnte dem so glücklich gewesenen Deutschland die im Lauf seiner Geschichte noch immer zurückgekehrte Stunde seines Unheils. Es war der eine Gedanke meiner leeren Tage und langen Nächte; ihn auszuschlagen war unmöglich.
Im ersten Stadium meines Fiebers fiel mir an dem Stubenmädchen, das hin und wieder in mein Zimmer trat, nichts bemerkenswertes auf, als daß sie mir sehr einsilbig und nicht freundlich vorkam. Pech! dachte ich.
Am dritten Morgen aber, als sie das Zimmer räumte, folgte ich ihr mit den Augen, während sie wähnte, daß ich schlief, und das Herz stand mir still. Hermione! wollte ich rufen. Nein, Andromache im Palast des Priamus, ob ihrer Anmut erstaunt, und der leichteste aller Tanagra zugleich! So stand sie, den Besen führend, in der Mitte des Zimmers. War ich im Delirium gelegen, daß ich sie nicht gesehen hatte? Sie kam auf mich zu: „êtes-vous plus mal?“ Aber ich wehrte ihr mit beiden Händen ab. „Cela m’est égal“, sagte sie, „de prendre la grippe.“ Was war melodischer, dieser Mund, diese Lippen oder diese Stimme? — Und ein solches Geschöpf umgab mich mit ihrer Pflege. Welch unerhörter Luxus! Die Sonne ging vor meinem Fenster auf, alles Leben im Geleite, und lachte des Todes bis zum Mittag. Pauline Glasenfrost kam täglich aus Villeneuve, brachte die Zeitungen, beschenkte mich und spottete der Ansteckung. Knirschend las ich alle Noten und Appelle an die Großmut der Sieger. Welche Verkennung der Situation! Aber was bedeutete dieses Versagen angesichts der Würde, welche ein solches Unglück gab? Und wiederum würden nur die Unschuldigen leiden. Die Taktik der Sieger würde es den Schuldigen ermöglichen, sich herauszureden. Schon damals sah man es kommen. — Ich läutete und bat Hermione, mir von sich zu erzählen. Sie stammte aus dem Wadtlande. Ihre Heimat lag hoch über den Weinbergen und hatte die Gletscher im Auge. Ich bat sie, einen hellen Mantel von mir anzulegen. Wie er ihr stand!
8. NOVEMBER. Bevor mein Freund, der Nachtportier, zur Ruhe ging, brachte er noch die erste Post. An diesem Morgen trat er ein, reichte mir ein Extrablatt und verkündete lakonisch: „In Bayern ist Republik.“ Mein erstes Gefühl war kein gelinder Schrecken. „Es mußte kommen“, sagte ich dann. Der Portier war Demokrat. „’s isch recht. Runter mit dem Zeug“, sagte er und ging. — So war also Bayern Republik. Das Extrablatt war nur ein kurzer Wisch; eins aber wußte man sofort: daß dieser so wenig ästhetische König nie wiederkehren würde. Die Wittelsbacher waren stets Liebhaber des Schönen gewesen, und in ihrer natürlichen Diskretion eines der sympathischsten Fürstenhäuser der Welt. Daß er aber auch nicht eine einzige ihrer typischen Eigenschaften besaß, sondern durch eine sture Haltung während des Krieges, sowohl in der elsaß-lothringischen, wie in allen politischen Fragen statt vermittelnd zu wirken, überall nur Unheil anrichtete, flößte die geradezu unwiderstehliche Abneigung für ihn ein.
Plötzlich blieben Briefe und Zeitungen ganz aus, und die Spannung wurde unerträglich. Es wehte eine scharfe Bise, doch ich fuhr nach Villeneuve. Vielleicht hatten Glasenfrosts etwas gehört. Sie waren von den rührend beseelten Manifesten Eisners sehr eingenommen, und wirklich hatte man in diesen Tagen die Illusion, am Anfange einer besseren Zeit zu stehen, ob es sich auch nur um eine einzige, schnell aufgehaltene Stunde handeln sollte. Und nicht einmal ihr ließ man Zeit. „Man verlange von uns nicht,“ beeilte sich die die Politik Clemenceaus vertretende Freie Zeitung zu schreiben, „daß wir uns mit dieser Sache da, genannt deutsche Revolution, ernstlich befassen.“ Und man eiferte um die Wette, sie zu „dieser Sache da“ zu machen. Sie hatte es schwer, alle Konjunkturen dafür um so leichter. Schon war sie wie eine Decke, um deren Enden sich die Schuldigen, die Unlauteren, die Banditen rissen, und alle Karrierejäger gerieten wieder ins Laufen. Wer hätte gedacht, daß alle die dienstbeflissenen jungen Herren, die mit umgeschnallter Seitentasche so flink und so stramm ins Hauptquartier Meldungen überbrachten und entgegennahmen, überglücklich, bis zu Ludendorff in Person vordringen zu dürfen, daß sie im Grunde ihres Herzens solche Feinde des Systems und so demokratisch waren? Nie sah die Welt ein vom alten Regime so gut besuchtes nouveau régime!
Suchte man im eigenen Garten das scheue Pflänzchen, das mitten im Sturme Morgenluft witterte, von allen Seiten an beliebige Stakete zu biegen, und sah es das Ausland mit begreiflichem Mißtrauen keimen, so erfuhr man in der Schweiz infolge des gerade in diesen Tagen einsetzenden Generalstreikes überhaupt nichts davon: er stand allein im Vordergrund und beschäftigte alle Gemüter. So wurde hier, gerade in ihrer kurzen Glanzzeit, die deutsche Revolution unterschlagen.
In jenen aufregenden Wochen kam ich wieder mit Romain Rolland zusammen. Mehr als je zeigte er sich jetzt als der Mann ohne Illusion, was Wilson, ob er auch dessen guten Willen nicht in Frage stellte, und was die Entwicklung der Dinge betraf. Ich fand ihn viel zu skeptisch.