Im selben Hotel, wie Glasenfrosts und Rolland, wohnte auch eine Schweizer Familie, die sich sehr für ihn interessierte, durch seine große Zurückhaltung aber in Schach gehalten fühlte. Eines Mittags, da ich bei ihr zu Gaste war, bat ich ihn, ein übriges zu tun, und sich zu uns zu gesellen.

Ich sehe ihn so deutlich vor mir, wie er an jenem Tage, seine alte Mutter am Arme führend, in seiner ruhigen und ein wenig geheimnisvollen Art zu uns stieß. Das Gespräch drehte sich natürlich um den Generalstreik und dann um den Bolschewismus; für die Westschweiz hätte man zum Glück ein treffendes Agitationsmittel gegen ihn, da er deutscher Import sei. Rolland schwieg.

„Der hat der Welt gerade noch gefehlt“, sagte ich, und sah einladend zu ihm hinüber, damit er sich äußere. Vergebens. Er erwiderte nur auf direkte Anfragen und ohne eine Meinung abzugeben. So sprachen halt in Gottes Namen nur wir. Ich ging dann zu Glasenfrosts hinüber und schilderte das mißglückte Beisammensein, bei dem ich zuletzt als verzweifelte Wortführerin die Grippe, die Witterung und endlich die Tatsache erörtert hatte, daß jede Stadt, ja jeder Ort ein anderes Modell für seine Leichenwagen besäße. Aber auch diese originelle Wendung fiel unter den Tisch.

Es hatten Regenschauer eingesetzt, und Glasenfrosts hielten mich noch eine Weile zurück. Wir waren uns in diesen Tagen noch sehr einig, und er hielt sich bereit, nach München zu fahren und Eisner bei Seite zu stehen. Vielleicht hatte doch die Geburtsstunde des tausendjährigen Reiches geschlagen, und die Gefallenen waren nicht umsonst an seiner Schwelle geblieben. Waren sie nicht schon ein einziges Heer?

Aber Rollands rätselhafte Haltung ließ mir keine Ruh, und als ich endlich aufbrach und die langen, klosterähnlichen Gänge des Hotels entlangging, machte ich plötzlich kehrt und klopfte, ohne mich zu besinnen, an seine Türe. Es war ein kleines Durchgangszimmer, mit einem bescheidenen Pianino, auf dem sich Musikalien häuften. Rolland stand in Hut und Mantel, im Begriffe auszugehen, und sah mich erstaunt an. „Es tut mir sehr leid,“ sagte ich, „Sie so zu überfallen. Aber ich möchte wissen, was Sie eigentlich denken. Sie schweigen sich aus, Sie lächeln ein wenig hämisch, und das ist alles. Wer soll da klug daraus werden? — Ich frage Sie nicht aus Neugier.“

Rolland legte seinen Hut auf das Klavier.

„Sie sind so ahnungslos,“ sagte er, „Sie wissen so wenig, was sich bereitet.“

„Aber doch nicht der Bolschewismus“, rief ich. „Das ist doch nicht Ihr Ernst! Und Sie sind doch kein Bolschewik.“

„Nein,“ sagte er, „aber ich habe nicht Ihre summarische Auffassung des Problems.“

„Das neuerwachte Deutschland“, sagte ich, „wird die Welt davor retten.“