Rollands Züge nahmen einen müden Ausdruck an.
„Ich bin voll guten Mutes“, fuhr ich fort. „Haben Sie die letzten Aufrufe gelesen? Diese Absage an jegliche Gewalt? Eine neue Ära hat ihren Anfang genommen. Wir haben unseren Militarismus zum Teufel gejagt. Endlich schlägt die Stunde, wo man sich angesichts eines wahren, befreiten und sympathischen Deutschlands auch seiner unsäglichen Leiden entsinnen wird.“
„Kommen Sie,“ lächelte Rolland, „welches Interesse haben heute die Sieger an einem sympathischen Deutschland?“
„Aber nicht nur die Sieger“, versicherte ich. „Die ganze Welt hat ein Interesse daran, daß die deutsche Revolution aus den Verirrungen der französischen wie der russischen lerne und endlich jene vorbildliche und maßvolle sei, welche die Menschheit ihrem Glücke näherbringt. Und alle Anzeichen sprechen dafür: Hören Sie doch, mit welch reinen Glockentönen sie sich kündet. Oh sie wird schön!“ Rolland lächelte nicht mehr. „Sie wird furchtbar!“ sagte er. „Morgen schon wird Eisner sich überrannt sehen und seine Gegner zu beiden Seiten haben. Der Bolschewismus ist in Rußland nicht nur durch die Stoßkraft der Linken, sondern mehr noch durch den Gegendruck der Rechten das geworden, was er heute ist. Man kann die Deutschen nicht genug verwarnen. Wenn auch bei ihnen die Reaktion eine Bewegung zu unterdrücken unternimmt, die wie ein ausgetretener Strom heranbricht, so werden sie ganz ähnliche Zustände herbeiführen. Es ist absurd, seiner elementaren Gewalt morsche Dämme entgegenzustellen, statt sich seinem Lauf anzupassen, und was er lebendiges heranträgt, zu vertreten. Unsere Gesellschaft hat ihre Berechtigung gehabt, aber sie hat versagt, und ihre Zeit ist um. Mögen wir es noch so sehr bedauern, mag viel Schönes mit ihr untergehen, die Reihe ist nicht mehr an uns, sondern an den anderen. Nichts kann diese Tatsache aus der Welt schaffen. Wir müssen uns zu ihr stellen.“
„Sollen wir denn alle Holzhacker werden?“ fragte ich betreten.
„Der Typ des Literaten,“ entgegnete Rolland, „dem wir seit einigen Dezennien so vielfach begegnen, wird jedenfalls verschwinden, und ich weine ihm nicht nach. Ein Gespräch mit nach Bildung strebenden Handwerkern ist mir heute schon viel genußreicher und interessanter. Was der Literat mir sagen wird, weiß ich von vornherein.“
„Mein Gott,“ seufzte ich, „es pflegen nicht einmal die Könige freiwillig abzutreten, viel weniger ganze Kasten. Sie werden den Kampf aufnehmen und uns eine blutige Morgenröte bescheren. Was ist zu hoffen?“
„Nichts für die Gegenwart, sie ist zu korrupt“, sagte er. „Aber alles für die Zukunft. Ich bin kein Pessimist.“
Rollands Worte, die ich auf dem Heimweg überdachte, waren viel reichhaltiger und prägnanter, als ich sie hier aus dem Gedächtnis wiedergebe. Wenn aber eine neue Klasse zur Herrschaft gelangte, würde sie weniger versagen, als alle anderen, und war anzunehmen, daß ohne furchtbare Erschütterungen die frühere Gewalt sich von der neuen aus dem Sattel heben ließe und etwa mit Rolland eingestehen würde, „ihre Zeit sei um?“
Meine Eindrücke von St. Moritz schwebten mir vor, und ich dachte an Hermione, wie edel sie war. Aber war nicht alles erlesene prozentual? Was also stand von den Massen zu gewärtigen? Die Macht selbst mußte abwirtschaften und sich auf neuer Basis konsolidieren. War nicht allem Anschein nach die Ära der schlechten Päpste geschlossen, weil sie verhältnismäßig machtlos geworden waren? Anderseits hätte der Papst die Rolle Wilsons mit mehr Glück, mehr Einblick in die europäischen Verhältnisse übernehmen können, wäre er so mächtig gewesen wie er. Macht also war und blieb die Losung. Eine Macht jedoch, die keine Lockung dem Gemeinen böte, ganz auf Erprobung ihrer Träger begründet, ohne Vorteile für ihn, ohne Befriedigung des Ehrgeizes, anonym vielmehr, Verzicht und Selbstentäußerung bedingend, als Stein des Weisen der Weise selbst. Oh Zarastro, Herr der weltabgewandten, namenlosen Gewalt!