Schwer und langwierig, immer wieder aufgehalten und die Anspannung von Generationen erfordernd, aber nicht unmöglicher als die endlich geglückte Beherrschung der Luft, wäre die gleichsam auf immer luftigeren Pfeilern emporgehobene, in sich selbst beruhende Macht.
Ich ging, vom Winde förmlich vorangetragen, den Weg nach Montreux. Die Wellen zogen in finsteren Reihen zum Angriff, und war dort nicht die Weide von Territet, sie, die im Frühling in den Schleiern ihres jungen Grüns vor Entzücken über sich selbst zerfloß? Nun aber schlug der See mit großem Getöse bis zu ihnen auf, die müde niederhingen bis zu ihm; Und dort hinter seinem Gatter hatte angesichts der Ufer ein Tulpenbeet geblüht. Die stillsten aller Blumen standen dort so sanft und so gerade! oh Weide von Territet! Oh stille Tulpen, mit denen ich gewesen war! Was blieb ich am Gitter hängen, die Hände an die Schläfen gepreßt, der Knecht mit dem Talent des einzigen Gedankens? Törichte Hoffnungen hatten mich schon wieder hingerissen, denn der Winter unserer Leiden stand noch aus. Der Stein aber, mit dem ich mich schleppe, zermalmt mir das Hirn. Wer legt das Fundament des sich immer schroffer nach innen ziehenden Baues, mit den immer abweisender sich schließenden immer geheimeren Pforten, durch keine andere Gewalt zu sprengen, als jene, welche der Himmel leidet.
Die Theorie einer immer strengeren Auslese — der Natur selber entnommen —, weit entfernt, eine hochfahrende zu sein, ist ja die demütigste der Welt. Keine führt so tief in unser Inneres hinab, um aufs neue dasselbe Schauspiel wie nach außen zu enthüllen. Denn hier sieht sich der Berufene noch einmal einem ganz ähnlichen Kampfe überwiesen. Wie unbegreiflich sind oft seine Schwächen! ebensovielen untergeordneten Wesen vergleichbar sind sie gegen ihn in Aufruhr und sind beständig die Schlingen gelegt. Daß der Gerechte siebenmal des Tages fällt, konnte nur ein Gerechter äußern. Zwar ist sein Merkmal, sich immer wieder aufzurichten und einzuholen. Aber jedes versagen läßt an Boden verlieren, die Gelegenheiten sind gezählt, und eines Tages ist man hinter sich zurückgeblieben. Keiner ist auserwählt, der sich nicht durch eigene Kraft dazu vermochte. Berufener und Auserwählter, wie gefährdet sind beide! Denn so manchen, der seinen behielt, stürzte ein Laster von seiner Höhe.
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Und nun kam ein Tag, an dem Montreux, bunt wie ein Jahrmarkt, den tollsten Anblick bot, seitdem es stand. Alle Länder der Erde — bis auf die paar niedergerungenen — beflaggten das Ende des Krieges. Und nicht nur an den Dächern und von den Fenstern, den Mauern und Toren, sogar an den Menschen selbst schlugen Fahnen hin und her; von den Jacken, den Hüten, ja den Händen der Kinder zogen Fähnchen auf. Schon sprangen die internierten Offiziere mit sehr deutlicher Siegermiene (kannte man die nicht von Potsdam her?) von den Autos ab. Es war ein allgemeiner Jubel, von Hohn und Verwünschungen untermischt. Wer diesen Tag hier erleben mußte, der erwartete nichts. Dem kündete sich der Geist des Friedens von Versailles und Saint Germain. Das jubelnde Gewoge, die Saturnalien von Fahnen raubte mir die Fassung. Ich lief meinen hervorbrechenden Tränen davon, die Häuser entlang, am Bureau des Hotels vorbei, in mein Zimmer hinauf, wo ich mir den Schleier vom Gesicht riß: ein Klageweib! — Prophetin meines eigenen Schicksals, als ich zu Anfang dieses Krieges schrieb: „Leute wie wir, werden am Tage des Sieges sich verkriechen müssen, denn immer wird es Jerusalem und seine Kinder sein, um die wir weinen werden.“
Die Hungerblockade blieb von den Siegern, die für Recht und Menschlichkeit gekämpft hatten, über den erdrückten Gegner, auch nach Einstellung der Feindseligkeiten, verhängt. Und es lag, wie Rolland mir vorhergesagt hatte, nicht im Interesse der Sieger, die edle und gepeinigte Opposition in Deutschland zu stützen. Eine unsympathische Regierung als Aushängeschild des deutschen Volkes aufrechtzuerhalten, gehörte vielmehr zu den strategischen Notwendigkeiten dieses Winters der Friedenspräliminarien von Versailles. Da ich kein Kriegsbuch schreibe, seien die nächsten Monate überschlagen.
Während dieser Zeit fuhren die Militaristen aller Länder fort, sich wacker in die Hände zu arbeiten, und über jede Härte und Unmenschlichkeit der Alliierten triumphierten die Anstifter der Verwüstungen und Deportationen. Denn so kam doch ihre Mühle wieder ins klappern, und das Wort von der „erdolchten Front“ schnupperte aushorchend in der Luft. Damals wurde ich aufgefordert, so manchen ganz vergeblichen und würdelosen Appell zu unterzeichnen, mit dem Hinweise, früher hätte ich zu protestieren gewußt, jetzt, wo die Untaten von der andern Seite geschähen, schwiege ich mich aus. Ich zog es aber vor, auch hier meine Kundgebung solo zu verfassen; sie erschien in der Neuen Zürcher Zeitung.
Denn sie hatten ja recht: es galt zu sagen, daß diese ganze Welt ununterschiedlich des Teufels war. Traurig stimmte es nur, daß all die Mahnrufe und das viele Aufbegehren aus den Reihen derer stammten, die vielfach kein Recht dazu besaßen, während sie schwiegen, die wirklich Unschuldigen, abscheulich in Stich gelassenen, Betrogenen, die während des Krieges auf Gefahr ihres Lebens ungenannt und langen Mutes vor Gottes Angesicht das wahre Deutschtum vertraten.
In der Opposition entdeckten sie jetzt alle ihr Herz. Mit welch herrlichem Gefühl und welch aufrichtendem Stolze stand Heinrich Mann der Republik zu Pate! dort riß nicht ein einziger aus; bei dem vielverfolgten Lichnowsky, laut des Friedensvertrages tschechisch gewordenen Magnaten, angefangen, der sich als Deutscher erklärte; was ich wirklich nicht erwähnen würde, hätten nicht so viele Patrioten aus ihren Papieren fremdländische Patente herausgeklügelt und sich mit einem Male als Schweden, Schweizer, Holländer, sogar als Engländer präsentiert. Die beste Illustration für den Nationalismus, die es geben kann.
Jenes Wort, welches mir seinerzeit so verübelt wurde, daß es Boches in jedem Lande gäbe, sollte sich übrigens nur zu sehr bewahrheiten. Jeder Militarist, gleichviel welcher Staatsangehörigkeit, ist ein Boche. Und wenn er Schimpanse zu Aufsehern eines Volkes bestellte, das der Welt einen Grünwald geschenkt hat, so wäre er eben ein Boche; jener Grünwald aber, ob er sich ihn noch so oft holte, ei, der bleibt deutsch.