Ach, so viele gute Menschen waren hier! Unbeweglich, als wäre er nur eine Zimmerpalme, hielt sich unser aller A. H. Pax im Hintergrund; und wie Kerzenlicht im Mittagsscheine tauchte bald hier, bald dort Fortunio unauffällig auf.

Hin und wieder kam in Frack und weißer Binde, pour finir sa soirée, ein Attaché gegangen und wirkte in dieser so weit vorgreifenden Luft wie eine Varieténummer aus einer veralteten und komisch gewordenen Welt. Der eine oder andere blieb gebannt, und die Geschniegeltheit fiel von ihm ab.

Die Fürstin Patschouli aber war sehr ungehalten, was sie nicht hinderte, mir zwischen zwei Sitzungen ihren stärkenden Kaffee zu brauen. Sie wollte wissen, wer mich denn so interessierte. Ich nannte einige. „Quels noms!“ sagte sie, zum Himmel emporblickend.

Als Partei interessierte mich ja der Sozialismus so wenig wie jede andere. Aber das Ergebnis der kapitalistischen Ära war ein wirrer Knäuel ineinander verbissener Verbrecher, und es war eine Welt, welche der Sozialismus jedenfalls nicht bereiten half. Er hatte keinen Teil an ihr. Deshalb nur gab es keine andere Brücke als ihn, denn er war nur ein Weg, der weiterführt, indem er zurückgelegt und überwunden wird, niemals ein Ziel.

Woher kam es aber, daß er, der angeblich auf rein materialistischer Grundlage beruhte, er allein unter allen Parteien, ohne Anstoß zu erregen, christliche Gleichnisse anführen durfte. Warum, statt Schamröte in die Stirn zu treiben, war es so rührend, wenn der geistvolle Longuet, der auf dem Podium auf und ab zu gehen pflegte, während er sprach, ein Zitat aus den Evangelien gebrauchte, oder wenn Mrs. Snowden eine Rede mit den Worten schloß: denn wir sind Brüder?

Nach ein paar Tagen kannten wir einander fast alle. Einmal fielen wir an eine Tafel aus im geschlossenen Raum; eine unbändige Heiterkeit bemächtigte sich unser, aber wir blieben sitzen. Ich spielte mich auf die Wirtin auf und machte die Tischordnung, als sei das Essen von mir, A. H. Pax vermißte die Schnäpse, und wir kamen nicht aus dem Gelächter. Etwas in unserer Befreitheit erinnerte dabei ganz deutlich an jenes Gastmahl im Neuen Testament, von welchem der nicht im Feierkleide erschienene Eindringling in die äußerste Finsternis zurückgewiesen wurde. So hatten auch wir keine unsicheren Gestalten hereingelassen.

Ich werde mich schwer hüten zu sagen, wer meine Tischnachbarn gewesen sind. In streng geschiedenen Gruppen, die einander nicht mehr kannten, fanden wir uns im Saale wieder ein. Denn wie der Chor der Gefangenen in „Fidelio“ wußte man sich belauscht mit Aug’ und Ohr, und vermied es, von Lager zu Lager sich zu grüßen.

Der Sonntag.

Er bildete die große Orgelpause des Kongresses. Um so lebhafter war in der Stadt das hin und her. Als ich die Treppe des Hotels Bellevue hinabging stieß ich mit Kurt Eisner zusammen. Er war schwarz und ganz neu angezogen. Auch der schwarze Schlapphut war neu. Wir wechselten ein paar Worte. Ich kannte ihn zwar noch nicht, aber so hielt man es in jenen Tagen.

Leider war mein Zimmer winzig klein. Um Raum für den Kaffeetisch zu schaffen, mußte das Bett zum Sofa werden, und ich schüttete Kissen gegen die Wand. Um fünf Uhr erschien Haase. Der niedere Kragen, Kleidung, Struktur waren die eines Mannes aus dem Volk. Dabei lag in der Haltung des Rückens und der Schultern eine ungemeine Würde. Aber wenn sie Widerstand und Energie ausdrückten, so sprachen sie auch von rücksichtslosem Verbrauch sich verzehrender Kräfte.