Auf dieser Figur eines Arbeiters saß ein Kopf, ganz beherrscht von stark auseinanderliegenden, majestätisch geweiteten Augen. Psychologisch viel zu neu, um an einen Rembrandt zu erinnern, schien er zugleich durch die Straffheit der bis zum Reißen gespannten Züge und ihr tragisches Kolorit nach begeisterten Evokationen seines Pinsels zu rufen. Wie der Ratsherr einer noch nicht errichteten Stadt — die Leidenswerkzeuge unsichtbar im Wappen eingetragen —, so blickte, so ging, so bewegte sich Haase, so saß er jetzt in unserer Mitte, die Zeit besprechend und die Gefahren des revolutionären Deutschlands. Wir hörten zu. Es wäre falsch, von Ahnungen zu reden. Die Bangigkeit um einen Mann von Haases Edelsinn und Güte war ganz instinktiv.

Plötzlich klopfte es. Die Stimmung und Geborgenheit unseres Zusammenseins war mit großem Geklirre dahin. Bestürzt sah ich Eisner eintreten, den ich doch gebeten hatte. Aber eine so andere Zone des Geistes brach mit ihm ein. Er trug sich wie am Morgen komplett in Schwarz, kein Stäubchen, vom schwarzen Schlapphut bis zu den Stiefeln (wie um die Reporter lügen zu strafen, die seine nachlässige Kleidung verkündet hatten). Halb Wotan, halb Konfirmand — grau, nur der schüttere Bart und die müde Farbe des Gesichtes. — Fortunios und ich saßen jetzt zu dritt auf dem Bett, und alle allgemeineren Themen traten vor dem besonderen der bayrischen Revolution zurück.

Eisners romantische Schwäche für Bayern verriet sich sogar in einem hin und wieder freiwillig angeschlagenen Dialekt, dessen Unnatur etwas rührendes hatte. Und so war es mit der Revolution; sie war das Abenteuer seines Herzens, sein Geniestreich; was aber an dem Bilde fehlte, war die Kenntnis Bayerns: die Bayern, die sich hinreißen lassen, sind nicht dieselben, die sich wieder eines anderen besinnen . . .

Etwas an München wird vielleicht noch lange bewirken, daß neue Sterne darüber aufgehen, etwas bewirkt aber, daß sie schnell wieder zu verlöschen drohen, günstige Konstellationen geraten dort sogleich mit entgegengesetzten in Brand. Eisner erzählte wie ein Rhapsode und besaß kein Ohr für das vielfältige Rauschen der mitten im Sturm entrissenen Meeresmuschel. Dies gab seinem Liede den schrillen und beängstigenden Ton. Haase das Wort abschneidend, erzählte er von dieser und jener Episode, die alles verderben sollte, und wider erwarten alles gelingen machte. Und Haase ließ ihn, wie ein älterer Bruder gewähren. Bei ihm war die Basis viel breiter; er wirkte harmonisch wie eine Orgel, die Macht war die Sache für ihn, für Eisner dagegen war sie die Arie, seine Bravourarie, an die sein Ohr sich fing. Nur wer näher zusah, gewahrte inmitten der scheinbar selbstgefälligen Glorie den erloschenen, weltabgewandten Blick und die bereite, heroische Absage an das Leben. Zu Haase gewendet: „Das wäre der Gipfel meiner Laufbahn,“ sagte er, „mit blauweißen Fahnen gegen Preußen zu ziehen.“

Aber „Fahnen“ hatte er gesagt. Fahnen, Feste, Ansprachen, solcher Art waren die sündenlosen Waffen, zu welchen er griff. Für so ehrwürdige Ansichten belehrte ihn die rohe Kugel eines besseren, und schlug sich dies musische Haupt gegen das Pflaster zu Tode.

Spät verließen wir an jenem aufregenden Abend meine Zelle: die beiden Delegierten gingen noch zu einer Ausschußsitzung; viel zu erschöpft und aufgewühlt, um allein zurückzubleiben, aß ich mit Fortunio zu Nacht. Lange sprachen wir noch von den beiden. Er meinte, Eisner sei viel zu feinfühlig, als daß ihm entgangen wäre, wie sehr wir Haase vorgezogen hatten. Nun hatte ich einen neuen Grund, bedrückt zu sein.

Leider reiste Haase schon am nächsten Morgen ab, und wir andern saßen wie gewöhnlich im „Volkshause“, als, eine große Stille entstand, weil Eisner das Podium betrat. Es war aber der Morgen jenes Tages, an dem er seine denkwürdige und verhängnisvolle Rede zugunsten der Gefangenen hielt. Sie begann mit einer schonungslosen Preisgabe der deutschen Kriegführung, deren Verbrechen er nicht beschönigte, deren Recht, etwas zu fordern, er vielmehr verneinte. Dann eine abrupte Wendung nehmend, stellte er fest, daß in keinem Lande die Gegner des Krieges so tief gelitten hätten wie die deutschen, und mit jedem Worte wurde sein tonloses und dabei scharfes Organ gebieterischer. Es war unerhört, wie Eisner jetzt über sich selbst hinauswuchs. So buchstäblich war der Geist über ihn, daß seine Person nur mehr wie ein von ihm verlassener und vergessener Schatten die Tribüne behauptete. Was nun verlautete, war ein Plädoyer für Deutschland, wie es niemals ergreifender formuliert wurde. Seine kalte Stimme beibehaltend, die in die Gemüter schnitt, enthüllte er die ganze Tragik seines unglückseligen Volkes. „Die Stimmen derer, welche im Kampf um die Ideen einer besseren Welt namenlos in den Kerkern verblichen,“ rief er schneidend den fremden Delegierten zu, „drangen nicht bis zu euch! Stumm verbluteten sie.“

Im Namen jener neuen und besseren Welt verlangte er die Freigabe der zurückgehaltenen Gefangenen.

Man hielt den Atem an.

Da stand ein Entronnener aus eben jener Schar stummer Blutzeugen für die Ideen der Gewaltlosigkeit der Wahrheit und der Menschenliebe. Dies war ihr Los wie vor 2000 Jahren!