In Eisner hatte der Kongreß wohl seine eindrücklichste Figur. Mochte er durch seine Parteilichkeit für Renaudel bei den Radikalen einigen Widerspruch erregen, so stellte sich bald heraus, daß er gerade dadurch seine Vorschläge durchzudrücken verstand, wie überhaupt die Taktik eine große Rolle bei ihm spielte.

Als ich das Haus verließ, standen Fortunios unten an der Treppe und schienen auf jemanden zu warten. Ich wandte mich um; Eisner ging langsam, allein und vollkommen versonnen die Treppe herab. Er hielt eine rote Nelke mit etwas abstehender Geste, wie um sie zu schützen, daß sie nicht zu Schaden komme. Steif, fast geziert, die Schultern mit barocker Würde tragend, bot er einen wahrhaft phantastischen Anblick. Wir begrüßten ihn. Er sah uns erloschenen Auges an und erwiderte kein Wort. Hätten aber urplötzlich die Türen sich geteilt und Teppiche unter den Füßen der mit großem Zeremoniell vorgeführten Esther entrollt, ich wäre nicht erstaunt gewesen. Assuerus! dachte ich. Ein fast gespensterhaft abstrakter, beschämend unverjudeter, rein biblischer Jude stand da vor uns. Und siehe! — Hier war zum ersten Male wieder dasjenige Israel, aus welchem merkwürdigerweise der Begriff des Christentums mit der Gestalt seines Stifters, der Begriff des unjüdischen also, die Welt der Mystik, des erblassens, der Gotik hervorging. So dachte ich, stockenden Herzens . . .

Ich sah Eisner noch einmal, als er im Begriffe stand, mit Renaudel nach Basel zu fahren. „Wenn ich stürze,“ sagte er, „ist in München der Bolschewismus unvermeidlich. Die geistige Verwirrung der Jugend ist zu groß.“ Überhaupt sprach er sehr oft von seinem Sturz. Ich glaube, die Entfernung ließ ihn die allgemeine, wie seine besondere Situation sehr scharf und nüchtern übersehen.

Gerade die Illusionen, die phantastischen Züge in diesem bedeutenden Menschen, die springenden Schatten machten ihn zu der Shakespeareschen Gestalt, als die wir ihn heute sehen. Wir aber, die in Bern Zeugen der ungeheuren Wirkung seines Auftretens waren, welche Werbekraft für Deutschland er dort entfaltete, welch stürmische Sympathien für Deutschland er dort erweckte, oh welch bitterlichen Eindruck machte es auf uns, in München nicht etwa die Züge dieses heldenhaften Vorläufers, nein, das unbesonnene Leutnantsgesicht seines Mörders in den Auslagen vorzufinden, dessen hirnloses und unheilvollstes Verbrechen die Schrecken der Räteregierung und alle Greuel, die von links, und dann von rechts daraus erfolgten, verursachte. Mag ein Herr Studiosus die Frei(spruch)kugel gegen mich drehen, dafür, daß in diesem wahrscheinlich vielgelesenen Buche diese Wahrheit steht.

Für den letzten Tag war eine Rede Macdonalds über den Bolschewismus angesagt; aber der Tag verging, ohne daß er hervortrat. Die Lichter brannten schon lange, und es war Abend geworden, als man ihn endlich erblickte. Es sprachen viele, deren Organ im Halse stecken und auf die langweiligste Weise eins mit demselben blieb. Der deutsche Dolmetsch ging deshalb schwer auf die Nerven. Bei jenen Delegierten hingegen, welche die Rednergabe besaßen, hob sich nach wenigen Minuten die Stimme von ihnen fort, um wie ein Albatroß ganz für sich allein die gewichtigen Schwingen auszubreiten. Dieser Prozeß vollzog sich auch bei Macdonald. Sein Organ erfüllte den Saal mit Wohllaut, als käme es gar nicht von ihm, sondern hinge nur infolge eines rhythmischen Gesetzes mit seiner Miene und den Bewegungen seiner Arme zusammen. Die Rede war ein Warnungsruf an den hohen Rat in Versailles, die Zeichen der Zeit zu verstehen, und sie verglich den Bolschewismus mit einem Brande, der, hier halb erstickt, dort scheinbar gelöscht, immer wieder hervorbrechend und unter der Asche weiterglimmend, an der Verblendung des Imperialismus seine Nahrung fand.

Da ich kein Wort verlieren wollte, schlängelte ich mich langsam durch die Zuhörer, hart bis zur Rampe vor, und hatte so zum ersten Male den ganzen Zuschauerraum vor Augen. Der Saal verlor auch bei Lampenschein nichts von seiner Schmucklosigkeit. Unschön war er und kahl. Sein Glanz, seine Erlesenheit waren rein innerlich. Sie gingen von den Menschen aus, welche hier tagten. Nicht die Zartheit freilich, noch der Reiz eines seit Generationen vor rauhen Kontakten geschützten Lebens, sondern Anstrengung, Leidenschaft und Begeisterung durchleuchtete sie so stark, daß jenseits dieses alltäglichen Raumes alle Alltäglichkeit, jenseits seines nüchternen Scheines alle Nüchternheit zu liegen schien. Der Winter der Menschheit sank hier zu Grabe. Von Feuerzungen war die Luft durchbebt, und eine Pfingstatmosphäre brauste durch die Türen über die Treppen dahin, bis hinab in die Gassen des nächtlichen Bern. Und sie würde, ob auch der kommende Morgen diesem Fest das Ende bereitete, nach allen Himmelsrichtungen wehen. Ich zweifelte daran nicht. Ich hoffte schon wieder!

Natürlich waren auch geringere zugegen. Aber nicht sie gaben den Ausschlag. Hier herrschte der Wert. Rang und Vortritt waren hier durch das Talent, das Verdienst, die Lauterkeit bestimmt, und ein Wille zur Güte hatte sich durchgerungen.

Mit einem Blick des Hohnes war ich vorhin an Telramund vorbeigegangen, alle Krallen gezückt, weil er sich vermessen wollte, mich zu grüßen, und fast wäre ich dabei über seine Bocksfüße gestolpert. Nein! Hier richtete der nichts aus. Hier war er schachmatt. Warum kam er denn her? — — Auch er — zum ersten Male fiel es mir auf — hatte allen Sitzungen beigewohnt und war einer der regelmäßigsten Besucher gewesen. Oh, nicht nur er! — Die ganze Rotte saß ja hier! — und die Kontrolle war doch so streng! Aber die Rotte war vollzählig hier! — Durch die Ritzen der Türe hätte sie noch einzudringen gewußt. Wo hatte ich die Augen gehabt all die Tage hindurch, ich Verblendete! Im Ernst wähnend, hier würde die Schwelle zu einer neuen Welt gelegt, derweil sie täglich zerfiel.

Die Schützlinge der Militärspionagen, von welchen erst die eine, dann die andere den Verständigungsfrieden hintertrieben hatte, tagten hier als Delegierte des Teufels, den verschiedensten Nationen entspieen. Wie emsig sie notierten! — Oh wie fleißig sie die niedrigen Stirnen gesenkt hielten, um alles zu nichte zu schreiben, was hier von Völkerversöhnung gesprochen wurde! Und wie gesittet sie dasaßen, diese Wölfe im Schafpelz, die sich innerlich eins lachten über den sabotierten Kongreß. Und sie waren geduldet! — selbst hier! — Die Spreu durfte auch hier, ungesichtet, den Weizen verderben. Ach, es gehört zu den Merkmalen dieser Zeit, daß die Dinge noch schlimmer zu kommen pflegen, als die Schwarzseher sie künden, und noch heißer gegessen werden, als gekocht.

So ahnte ich noch nicht, daß die verstümmelten Berichte der Eisnerschen Rede, deren erster Teil einfach unterschlagen wurde, schon munter unterwegs waren, und seine anonymen Mordanstifter, wohlgeschützt unter der Flagge einer Zeitung, sich für die furchtbaren Wahrheiten und Anschuldigungen, die er in diesem Hause der Presse aller Länder ins Gesicht zu schleudern wagte, ein für alle Male gerächt hatten.