Die Stimme Macdonalds drang nur mehr undeutlich zu mir. Es war doch jedes Wort vergebens. Mochte er den Bolschewismus an die Wand malen! Mit ihm stand es gewiß, wie Rolland sagte. Bot nicht jede Partei genau dasselbe Bild von ein paar ehrlichen und ehrenwerten Männern, die ein fürchterlicher Zulauf überschwemmt? jene paar Vortrefflichen, deren Kampf allein ersprießlich und von Interesse wäre, tragen ihre Gegensätze abseits voneinander aus. Sie sind nicht so zahlreich, Europa nicht zu groß für eine einzige Arena. In Wirklichkeit ist der Klassenhaß (statt des Klassenkampfes) ein ebensolcher Humbug wie der Haß der nur nach Frieden lechzenden Völker. Wer aber diesen Saal mit den angeblich so scharf bewachten Toren näher ins Auge faßte, ließ alle Hoffnung fahren. Den Schleier Penelopens woben sie hier! Es gab ja keine gute Sache, solange der Nichtswürdige sich zu ihr bekennen durfte und statt der Gesinnung die Meinung den Ausschlag gab. Freie Bahn den Tüchtigen! oh nein! Erst geschlossene Bahn den Unwürdigen! Die andere Parole bleibt so lang die leereste der Phrasen! Hatte nicht Telramund in seinem eigensten Blatt eine „Partei der anständigen Leute“ beantragt, wie um diesem Gedanken den Fluch der Lächerlichkeit auf immer anzuhaften. Oh Zarastro! Herr des Tempels mit den unauffindbaren Toren, der nur den Geprüften mit Macht belieh! Von allen, die heute leben, wird keiner den Bau betreten, zu dessen Grundlegung ich Steine herbeischleppen möchte. — Das Gerüst allein dürfte die Arbeit von Generationen sein, sein Ausbau die von Jahrhunderten vielleicht. Vielleicht sind die ewig unvollendet gebliebenen Kathedralen sein Symbol. Aber worauf es, wie gesagt, ankommt: er ist möglich.
Die richtige Einsicht, daß es (merkwürdigerweise) niedrige und hohe Menschen gibt, führte folgerichtig zu Rang- und Standesunterschieden. Bei ihrer Aufrechthaltung aber gerieten jene Ungleichheiten, welche doch erst die Berechtigung solcher Klassifikationen bilden, immer mehr außer acht, und bei dem Schrittmachen, das im Schwunge blieb, mischte sich in immer gemeinerer Weise das Bestreben über jene Distanzen, welche der Wert zwischen den einzelnen liegt, hinwegzusehen. Das Mißverständnis artete immer wilder aus: der königliche Mozart speiste mit dem Gesinde, und ein lakaienhafter Kavalier warf ihn mit einem Fußtritt ohne weiteres vor die Türe. In der Tat, wir wissen alle, was wir der französischen Revolution verdanken. Doch, als sie das falsche Spiegelbild in edler Empörung zerschlug, wurde mit diesem drastischen Vorgehen leider erst recht nur eine halbe Maßnahme getroffen.
Kein Mißbrauch wurde an der Wurzel gefaßt, vielmehr entrann der Missetäter froh durch die Türe. So brach die französische Revolution wie das Christentum, dem sie entsprang, in sich selber zusammen, und wir sind heute wie bankrotte Leute, die von vorn anfangen müssen. Wir stehen wieder am Anfang aller Tage: das heißt am Ende. Denn für das erkennende Auge sind ja die Menschen längst in jene zwei Lager zerfallen, von welchen geschrieben steht. Freilich ist vorläufig erst der Aufmarsch der Böcke geglückt. Unsere Absicht, ihrem Konsortium entgegenzutreten, dürfte ein frommer Wunsch verbleiben, solange wir jene geheimnisvolle Tatsache nicht ergründeten, daß die von schlechten Instinkten Gemeisterten so viel deutlicher die Hochgesinnten herausspüren, als diese sich unter sich erkennen. Diese dunkle und rätselhafte Tatsache birgt Perspektiven, die sich wie weite Zimmerflüchte nach allen Richtungen, reich an Verborgenheiten, ziehen.
Um Machtfragen werden sich nach wie vor die Dinge drehen, und nach wie vor wird sich herausstellen, daß es nichts neues unter der Sonne gibt. Macht wird vor Recht gehen, denn Macht geht vor Recht. Es ist Sache des Rechts, die Macht an sich zu reißen, eine neue Realpolitik zu ermöglichen, nicht ausdrückbar durch Lüge, Feuer und Mord; eine Exekutive zu befestigen, welche die aus Lüge, Feuer und Mord errungenen Vorteile verachten, und Lüge, Feuer und Mord nicht ausspielen würde gegen Lüge, Feuer und Mord. Sache des Rechts ist es, die Bahn solcher Gewalthaber zu bereiten. Ach die Heftigkeit, mit welcher wir unsere Notsignale abgeben, hindert nicht, daß sie unter dem Druck grauser Langeweile aufziehen, und unser eigner Pathos lastet mit der ganzen Öde eines Frondienstes auf uns. Denn es sind zukünftige, für ein feineres Ohr heute schon monströse Gemeinplätze, die wir hier äußern.
Ende
Von
Annette Kolb
erschien im gleichen Verlag:
DAS EXEMPLAR
Roman. 5. Auflage.
Man hat durchaus das Gefühl, daß dieses Buch zu jenen gehört, die unter einem starken inneren Drange, einem unwiderstehlichen, geschrieben werden. Ein Bekenntnis. Aber eins von solcher Keuschheit, solcher Verhülltheit, trotz aller Enthüllung subtilster seelischer Vorgänge, wie es uns nur zu selten gemacht wird. Gerade diese Schilderungen erweisen die hohe Vollendung von Annette Kolbs sprachlichem Ausdrucksvermögen, das ihr jedoch nie zum Selbstzweck wird.