Die Tatsache, daß in Ermangelung anderen Beweismaterials nun gar mein Roman als Belastung herhalten sollte, war insofern der comble, als sich ja dann, auf diesem kürzesten Wege, so ziemlich alles auf den Kopf stellen ließ. Gegen solche Waffen war jedenfalls nicht aufzukommen. Sie waren zu alt erprobt. Ich hatte zuviel erfahren. Ich wußte zu viel.

Oh Fortunio! es ist dir nicht bekannt, warum ich lebe. Wie ein nach Süden schauendes Ufer fängst du die Sonne auf; wie eine nach Norden aufgerichtete Mauer stehe ich zu ihr.

„Von allen Menschen weg“, dachte ich da, „und zur Sonne hin!“ Angebetete Sonne! Ohne dich zu sein! Beseelt, doch unbeseligt steht mein Haus. Wo du undeutlich werden und verflimmern läßt, wo du begünstigest, ja, wo du lügst, hast du doch immer recht, und nichts bestünde vor deiner Glorie.

Es hatte längst durch alle Stockwerke gegongt, doch ich blieb wie ein Wetterwinkel am Fenster haften, jenen Bergkuppen vergleichbar am Rande des Tals, die alle Wolken an sich ziehen; so schien auch ich alle Düsterkeiten heranzulocken. Und es gab dann nur zwei Möglichkeiten, um dagegen aufzukommen: entweder die Arbeit, die auch wirklich die Atmosphäre läutert, oder der Umgang mit Menschen: ein Notbehelf nur, welcher zwar, wie der im Unwetter aufgespannte Schirm die ärgsten Güsse von uns abhält, an der Witterung aber nicht das geringste ändert.

Augenblicklich war mir jedoch der Mut so gänzlich ausgepustet, daß ich mich plötzlich im Sturmschritt zu Martin im Walde aufmachte, sehr in Sorge sogar, ihn zu verfehlen. Ja, die Sorge steigerte sich zur Angst, so windschief stand es um mich. Aber die Herrschaften ließen, Gott sei’s gelobt und gedankt, bitten, und ich jagte die Treppe zu ihnen hinauf. Die Stimmung, welche dort betreffs der gestrigen Fete herrschte, war natürlich schlecht. Mit sehr unerwarteter Schauspielkunst gab Martin im Walde alle Figuranten des Abends in einer Person zum besten, wobei er die ihm zugewiesene Rolle gar grimmig unterstrich. Ich lachte fürs erste aus vollem Halse, wenn auch mit recht halbem Herzen, brachte dann alle meine Glätt- und Bügelkünste zur Anwendung, zog meine Döschen, Fläschchen und Beruhigungstropfen hervor, mußte mir aber dabei sagen, daß hier wieder einmal ein wünschenswerter Zusammenschluß vorbeigeglückt war.

14. FEBRUAR. Ich kann erst morgen die unteren Zimmer beziehen: ein hübscher alter Sekretär, ein altmodisches Sofa und ein schönes Tischchen kommen mit mir. Auch die Kiste mit meinen Sachen ist eingetroffen. Als ich nachmittags die Lauben hinunterging und an die Zimmer dachte, wie sie mit ein paar indischen Schals, der schier vergessenen blauen Seidendecke und ein paar Bildern am besten auszustaffieren wären, lächelten plötzlich von rechts Telramund, von links Ortrud auf mich ein: „Wohin des Wegs?“

„Nach Hause“, war meine erschrockene Antwort.

„Wie sich das trifft! Wir sind gerade auf dem Weg zu Ihnen.“

„Das ist ja reizend“, rief ich entsetzt. „Leider bin ich mitten im Umzug und darf Sie nicht heraufbemühen.“

„Das macht uns gar nichts! Wenn wir Sie nicht stören.“