Daß die beiden es wagten, vor mir, die selbst obenan und mit so fetten Lettern auf ihrer Proskriptionsliste stand, derart rückhaltlos Leute auszurichten, mit welchen sie scheinbar die besten Beziehungen unterhielten, war das nicht ein Beweis für die Rückversicherungen, deren sie sich versehen hatten? Und wie weit mochten diese gehen?
Und woher wußte — von allen Deckungen abgesehen — dies im wiedererzählen so blitzschnelle Paar, daß sich unsere usancen voneinander unterschieden?
War es die starke Gegenwärtigkeit des wuchtigen Tisches, um den wir saßen, und der wohl einst am Waldesrand Jahrhunderte hindurch als mächtiger Baum — wissend und weise — in rauschender Verschwiegenheit sein Gezweige ausbreitete — oder welch überspringender Funke war es nur, der mir da mit der unbewiesenen und doch stahlharten Sicherheit intuitiver Erkenntnis die Tatsache enthüllte, daß die Niederträchtigen, aus ihrer, mit Selbsterhaltungstrieb gepaarten Verdorbenheit heraus, die Menschen, welche guten Willens sind, ungleich deutlicher erkennen, als diese sich unter sich durchschauen. Fortunio, von Martin im Walde nicht zu reden, kannte mich nicht entfernt so gut wie diese zwei: welche Waffen ich gegen sie anwenden und welche nicht, ihnen war es nicht zweifelhaft, und für sie war ich wie durchsichtiges Glas. Indem sie mich haßten, wußten sie sogar, daß ich nicht ihrer Person, sondern ihrer Schlechtigkeit den Haß vergalt, und wenn meine hiesigen neuen Freunde vielleicht in ihrem Urteil über mich noch schwankten, diese meine erbittertsten Feinde werteten mich nach Verdienst. Dies war der Grund, warum sie mich verfolgten. Wer in der Tat stand einander im Wege, wenn nicht wir? Soweit ich zurückdenken konnte, und lange ehe er ausbrach, dieser elende Krieg, und dann wieder vom Tage seines Bestehens an, war ich für einen Frieden um jeden Preis. Mich interessierte, noch freute kein einziger Sieg. Nur dem Frieden gönnte ich den Sieg über eine so schmähliche Niederlage wie diesen Krieg.
Für dieses Paar jedoch waren Versöhnung und Verständigung zwei Dinge, deren Möglichkeit sie mit allen Mitteln zu hintertreiben entschlossen waren. Dafür lebte es. Wehe dem Franzosen, der kein Jusqu’auboutiste war. Er hatte allen Grund, vor diesem deutschen Telramund zu zittern, und wenn nur der letzte Deutsche verblich, durfte für diese französische Ortrud der vorletzte Franzose unbesehen verbluten. Denn die Saite, auf welche sie beide gestimmt waren, ihr Element war der Haß. In welcher Tropenluft aber lebten wir heute, daß die Gemüter sich mit solcher Fieberhitze entfalten oder zersetzen durften? Nie hat Gelegenheit ärgere Diebe gemacht. Hier war Telramund — vor dem Kriege ein ränkespinnendes, sonst aber vielleicht ganz traitables Männchen — zum professionellen Verleumder und Verräter entartet, und Ortrud, einstens eine gehässige Klatschbase und weiter nichts, nunmehr zur angriffswütigen Ratte, zur erbarmungslosen Menschenfresserin von Hokusai.
Mit solchen Wesen aber paktierte, tergiversierte, lavierte man.
Und zu denken (dachte ich), daß doch sonst so viele Schutz- und Trutzverbände bestehen. Der Adel, die Juden, die Ärzte, Arbeiter, Bäcker, Schneider und Hoteliers, alle bilden sie ihre geschlossenen Gilden und Vereine. Und nur ausgerechnet die Menschen, die guten Willens sind, sie allein, die überall verstreuten und ausgelieferten, setzten sich noch nicht zur Wehr, berieten und versammelten sich noch nicht. Ihr Klub ist der einzige, der noch nicht zustande kam, ihre Statuten, ihre Geschlossenheit, ihre Einigung, welche doch gleichbedeutend wäre mit ihrer Vorherrschaft, über alle Grenzen hin. Denn nichts scheut ja das Geschmeiße so sehr wie seinen Namen und ihren Boykott.
Nicht äußerste Vorsicht (die nützte gar nichts!), sondern schroffste Ablehnung war Telramund gegenüber am Platze. Aus jedem Wort, das ich sagte oder zu erwidern unterließ, wurden jetzt handfeste Stricke wider mich gedreht. Solche Leute zu kennen, sie zu sehen, dies war der kapitale Fehler.
Ortrud kam immer wieder auf meinen Flügel zu sprechen, und als sie sich zum Gehen anschickte, bezeigte sie eine Neugierde, ihn zu besichtigen, als handelte es sich um einen neuentdeckten Raffael. Der Gedanke aber, daß die beiden als die ersten meine unteren Zimmer betreten sollten, bevor ich sie noch bezog, versetzte mich in eine so abergläubische Verwirrung, daß ich die Treppe hinablief, um sie daran zu hindern. Allein die Türen standen offen, und ehe ich sie schließen konnte, hatten Telramunds meine Schwelle überschritten und waren meine ersten Besucher gewesen.
Abends bei A. H. Pax. Ich ärgere mich über Bemerkungen, die dort fallen: Brücke von Kirchenfeld; die müsse ich doch kennen. Was ist das nun wieder?
18. FEBRUAR. Meine „Wohnung“ ist ursprünglich ein großes Zimmer mit Alkoven gewesen und nun durch eine eingebaute Wand so unwirsch in zwei geschnitten, daß sich das Auge an den falschen Massen immerwährend stößt. Aber die Farben bringen einen gewissen Trost, eine Suleikaportiere, indisch mit scharlachrotem Rand, führt in ein drittes vorgebliches Gemach, und der Flügel macht sich ausgezeichnet.