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Besuch der Miß Annie A. Wir hatten uns seit dem Kriege nicht mehr gesehen. Sie ist mütterlicherseits deutsch wie ich französisch, väterlicherseits englisch wie ich deutsch. Nur ist sie nebenbei auch ein Engel von Güte, und das bin ich nicht. Doch ach! andere werden schon mit mir bemerkt haben, daß gerade solche Engel von Güte es so oft nicht über sich bringen, die Vortrefflichkeit derjenigen anzuzweifeln, deren Instanz sie zunächst unterstehen, ja die es für eine Perfidie halten würden, ihren eigenen Zeitungen und eigenen Machthabern nicht zu glauben. Wer kennt sie nicht, diese Engel von Güte, mit ihren „they say“, ihren „man sagt“, ihren „on dit“ und ihren „si dice“. Unbesehen ist für sie der Teufel überall nur drüben.

„Mein Deutschtum ist tot in mir“, sagte sie. „Auch Sie sollten sich entscheiden.“

Dasselbe Ansinnen, nur umgekehrt natürlich, war mir in Deutschland zu oft gemacht worden, und ich war in solchen Dingen sehr abgebrüht. „Was brauchen mich die Franzosen,“ seufzte ich, „die ganze Welt steht ja auf ihrer Seite.“

Da sie mich traurig sah, schaute sie mich betrübt mit ihren guten und veilchenblauen Augen an. „I thank God on my knees“, brach sie dann aus, „that I am English.“

Auch die Variationen dieser Formel waren mir vertraut. Und ich konnte nicht umhin, ihr von den Halbengländerinnen zu erzählen, die in Deutschland unter die Patriotinnen gegangen waren, von Marie von B . . ., die mich wie keine andere deutsche Frau in den deutschen Blättern verriß, und von jener jungen englischen Gouvernante in München, die ich in Tränen fand, weil ihre, an einen norddeutschen Offizier verheiratete Schwester soeben, anläßlich eines Luftangriffes auf London, von den Zeppelinen als von „our glorious zeps“ geschrieben hatte. Aber kaum hatte ich meine Pfeile abgeschossen, so war mir’s schon leid. Unser Wiedersehen fand also nur statt, um uns unsere Trennung nur um so fühlbarer zu machen.

„Nichts ist mehr, wie es war!“ rufe ich aus, indem ich sie in meine Arme schließe. Denn sie ist ein Engel.

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Bevor Annie A. . . mich gestern verließ, zog sie ein Fünffrankenstück hervor, das sie mir im Auftrage der Fürstin Patschouli, einer gemeinsamen rumänischen Bekannten, einhändigte, welche vorgab, es mir zu schulden. Dieser so kurzerhand beim Schopf gefaßte Annäherungsversuch war zum mindesten originell. Ich machte ein sauberes Päckchen aus dem Geldstück, bedankte mich für die schöne Gabe und bat um die Erlaubnis, ihr ein ebensolches Gegengeschenk machen zu dürfen. Daraufhin schlug sie per Telephon die Brücke zu mir und lobte einen schwarzen Kaffee, den sie selber braue. „Bonjour, je vous attends!“ und damit hing sie das Hörrohr aus.

Ich wußte in der Tat nicht, was erfrischender war, ihr Kaffee oder sie selbst in ihrer herzstärkenden und vorgefaßten Oberflächlichkeit. Die Fürstin, deren Röcke unten zusammengebunden schienen, ging mit kurzen und kleinen, aber heftigen Schritten, war braun wie ein Maikäfer, die auffallendste Erscheinung von ganz Bern, brüsk, witzig und ohne Stachel. Da sie eine Villa in Tegernsee und Freunde in München hatte, war sie im Grunde germanophil, jedenfalls bayernfreundlich, und stand außerdem stark unter dem Eindruck der deutschen Siege. „Je suis l’amie des bons jours“, erklärte sie.