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25. FEBRUAR. Zwar scheint die Sonne hin und wieder, und die Zauberwand der Berge stellt sich dann strahlend auf, doch das Licht bleibt spröde. Nie träumt dieser kalte Himmel dahin, nie ermatten die Reflexe; stets rufen sie: gedenk! und nie: vergiß! und ewige Gegenwart ist die Fanfare. Oder liegt es an mir? —
„Mein gutestes Fräulein,“ sagte mir einmal ein dickgebliebener Berliner Aufsichtsrat, „wer sagt Ihnen, daß nicht am Ende mit dem Frieden so bunte Zeiten kommen, daß wir uns nach den Kriegszeiten zurücksehnen werden —, bis auf die Schlachten natürlich“, hing er mit einer Handbewegung an, als wären sie ein Detail.
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ENDE FEBRUAR. Die Tage haben soviel widerwärtiges gebracht, daß mir das Schreiben verging. Man sollte hier mit seiner Aufenthaltsbewilligung zugleich ein Vorhängeschloß wie Papageno erhalten; statt dessen wird einem ein Nessushemd übergeworfen. Schreckliche Stöße mit Fortunio, schwere Havarie mit Martin im Walde. Telramund, dessen Hochöfen alle in Betrieb stehen, erstattete ihm einen formellen Besuch und brachte ihm zugleich mit dem Ausdruck seiner Hochachtung sein Bedauern vor, durch mich und meine Darstellungen ein so falsches Bild von seinem Charakter gewonnen zu haben. Halb lachend wird es mir erzählt. Ich mache ihm Vorwürfe, daß er den Mann vorläßt. „Ihnen danke ich ja die angenehme Bekanntschaft.“ Das war im Herbst, sage ich, wo man noch glauben durfte, es stecke vielleicht doch etwas Gutes in ihm, an das man sich halten könne. Heute dürfen Sie keinen Umgang mehr mit ihm pflegen.
Einem Glücksfall, der allen Glanz eines Hintertreppenklatsches trägt, danke ich es im übrigen, daß von dieser Seite wenigstens Fortunio nicht mehr irre an mir werden kann: er saß mit einem Freunde, als Telramund sich zu ihm gesellte und Äußerungen wiederholte, die er von mir vernommen haben wollte. „Und nun sehen Sie,“ schloß er, „wie sie lügt“, zahlte sein Schöppchen und ging. Aber in der Eile, mir zu schaden, übersah er, daß Fortunios Freund zufällig Zeuge gewesen war, wie ich jene Worte nicht nur nicht gesagt, sondern heftig dagegen protestiert hatte, als sie vor mir fielen. Dies also wäre, gottlob, besorgt.
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Es ist gewiß nur recht und billig, daß auch die Überlebenden heute auf der Verlustliste stehen. Wie man dem Kranken, der nicht teilnehmen kann an dem Treiben der Gesunden, gerne darauf hinweist, wenn es draußen stürmt und die Fußgänger gegen Frost und Wind ankämpfen, während er in der geschützten Stube liegt, so möchte man heute denen, welche fallen, nachrufen: Ihr habt nichts verloren!
Ich schreibe der Königin im Auftrage ihrer Mutter, die seit Monaten ohne Nachricht von ihr ist. Die Idee des Königtums ist gewiß nur deshalb in Diskredit geraten, weil ein verrohter, subalterner Mensch oder auch ein, Idiot höchst widersinnigerweise zum Herrscher avancieren konnte. Wegen meiner Ansichten werde ich hier viel ausgelacht. Aber wie würden sie erst lachen, wenn sie wüßten, wie gern ich selbst regieren möchte. Da würde man doch was Richtiges erleben! Kein mittelmäßiger Künstler käme bei mir hoch, welche Unsummen aber flössen den andern zu; kein Lämpchen ließe ich mir je als ein Lumen aufschwätzen, also auch kein Talent, das sich zum Genie aufblasen möchte. Herr Pfitzner bewürbe sich also vergebens um eine Dirigentenstelle an meinem Theater, und gar Herr Weingartner, welcher die Wiener Philharmonie herunterbrachte, wage es nicht, vor mich zu treten. Ich verarge es heute noch der Pariser Kritik, welche ihn seinerzeit „un jeune dieu“ genannt hat. Denn nie hatten die Götter das Geringste mit ihm zu tun.
Ach, und was für schöne Häuser ich erbauen, was für Gärten ich anlegen ließe! was für prachtvolle Katzen würden meine Marmorbrunnen entlang schweifen!