Doch genug über meine Herrscherzeit.
Über Weingartner, dessen Überschätzung ich der Pariser Presse verdenke, fällt mir die Äußerung ein, die kürzlich ein Pariser, den ich nicht nennen werde, einem Deutschen gegenüber, dessen Namen ich gleichfalls unterschlage, gefällt hat: „il y a une chose, monsieur, que nous ne vous pardonnerons jamais, c’est de nous avoir forcés d’aimer les Belges.“
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Den Abend bei A. H. Pax verbracht. Bei ihm kann man sagen, was einem gerade einfällt, ohne Gefahr zu laufen, daß es entstellt in alle Winde hinauswirbelt. Dieser Vorkämpfer des Friedensgedankens, der mit so feierlichem Ernst seine Stimme zu erheben weiß, ist bei strengster Sachlichkeit der gemütlichste Mann der Welt, in dessen Atmosphäre man sein bißchen Humor und sein verlorenes Lachen auf Augenblicke rettet. Gestern sprach er zwar tief entmutigt über die vollkommene Unmöglichkeit, gegen den so geschickt angerichteten, so eifersüchtig gehegten und drinnen und draußen immer neu genährten Wirrwarr in den Köpfen der allermeisten Deutschen auch nur das geringste auszurichten. Plötzlich tauchte ein Nachmittag in München aus dem Sommer 1916, ein schattiger Garten, ein gedeckter Tisch, zwei Damen, die davor saßen, vor mir auf, und wie eine phonographische Platte spielte sich in hemmungslosem Bayrisch ein halbvergessenes Gespräch so getreulich in mir ab, daß ich mit einem Male alle Rollen in einer Person herunterspielte.
Wir brachen alle in ein schier trostloses Gelächter aus. Waren nicht ganze Generationen mit allen brauchbaren Argumenten des Scheins in ein Wirrsal gelockt, dessen Dunkel den Tag derer ausmachte, die es unterhielten, so daß sie jede anbrechende Helle augenblicklich verscheuchten?
Und mußten nicht fast alle Gehirne vermodern, ohne zu erfahren, was denn eigentlich los ist? Mit so teuflischem Geschick sind alle Ausgänge der Lügenburg zementiert, in welcher sie sich narren ließen. Unschuldig Betörte. War es nicht überall so?
Unter den Tagebüchern, welche an den deutschen Gefallenen vorgefunden wurden, erzählte neulich Abigail von der agence, seien manche sehr schöne zum Vorschein gekommen. „Warum veröffentlicht Ihr diese nicht auch?“ rief ich. „Nous n’avons“ sagte er, „qu’à nous occuper des atrocités.“
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Dafür, daß ich so viele Dinge nicht verstehe, werde ich mit den paar Gedanken, die mir im Kopfe sitzen, viele Jahre nach meinem Tode wahrscheinlich recht behalten, so zum Beispiel mit meiner Skepsis betreffs der Demokratie. Aber natürlich ist es für andere ärgerlich, das, was immer sie mich lehren, und was immer ich lerne, gerade nur eben jene paar Überzeugungen weiter ausbaut und nur ihnen zugute kommt. Jede Erkenntnis geht nun einmal bei mir auf Kosten einer ganz exemplarischen Unbegabtheit.
Es müßte einer blind sein natürlich, um an den Sozialismus und seine Unerläßlichkeit nicht zu glauben. Aber in Wirklichkeit ist heute keiner sozialistischer geworden, als er es von je gewesen ist. Es scheint nur so. Machen wir uns nichts vor. Wir haben uns den Sozialismus eingebrockt. Dank unserer Verkehrtheit nur ist er die einzig richtige Parole. Er ist kein Ziel, sondern ein Weg. Keine andere Brücke ist stark genug, uns aus unserer baufälligen Welt zu den neuen Ufern hinzutragen, wo die neuen Autokratien auf ganz neuer Basis sich erheben werden. Nur durch den Sozialismus, dieser fausse sortie aus einer Welt der Standesunterschiede, kommen wir zu einer neuen Welt der Standesunterschiede, der Herrenkaste und der Knechteschar.