Für diesen Glauben will ich mich gerne köpfen lassen, denn geköpft, sagen die andern, werde ich ja doch, entweder von rechts oder von links.

Mittlerweile bin ich viel zuviel unter Menschen. Es geschieht aus Trägheit und einer Art von Furcht. Denn bin ich nicht zufriedener allein und so viel weniger allein, wenn ich allein bin? Füllt sich dann nicht die Luft mit Geistern guter und hilfreicher Art? Und bin ich dann nicht umgeben?

28. FEBRUAR. Forsell als Don Juan: der Tod als Objekt der Kunst. Forsell ruft ihn und mißt sich mit ihm. Gewiß ist der Tod nur was wir aus ihm machen: der größte Individualist fürwahr! Welche Feigheit jagt mich so oft von mir selber fort zu den Menschen hin, oder hält mich ab, mich ihnen zu entziehen? Ist es das grauschleichende Verzagen vor jener eisigen Verlassenheit, in die wir eingehen werden? Hinter dem ganzen Geselligkeitstrieb der Menschen steckt ja viel mehr Todesangst, als man glaubt. Die einen fürchten sich vor dem Sterben, die andern vor dem Gestorbensein; auf dieses, nicht auf jenes gilt es, sich zu bereiten.

3. MÄRZ. Ich fahre nach Lausanne und gehe dann nach Ouchy hinab, eine Bekannte aus München zu besuchen. Beißend kalter Wind. Wir besprechen die letzte Affäre. „Das Schreckliche ist, daß immer alles aufkommt bei uns“, äußerte sie. So ein Pech! Im übrigen sagte mein guter Vater immer: „In der Politik gibt es keine Moral“; à qui la faute, wenn die Deutschen dies für ein unabänderliches Weltgesetz halten, so feststehend wie Tag und Nacht und die vier Jahreszeiten? gewiß an ihrer Gedankenlosigkeit, aber gewiß noch mehr an den Vorbildern, welche sie haben. In der Politik gibt es keine Moral. Sie sagen es wie: Ehre Vater und Mutter, oder: Du sollst nicht stehlen. Ihre Fantasie liegt ja nicht auf diesem Gebiet.

8. MÄRZ. Besuch des sozialistischen Reichstagsabgeordneten W. H. Er ist gegen den Unterseebootkrieg. Ich glaube, daß er unter dem Krieg leidet. Aber was mich an diesen Sozialisten so furchtbar erbittert, ist die Preisgabe des deutschen Volkes, auf das sie sich berufen, indem sie vorgeben, diese oder jene Konzession an die Gegner „ihm nicht zumuten zu können“. Vor August 1914 gab es kein friedfertigeres auf der Welt: wie die Posaune des letzten Gerichtes erscholl ihm der Schlachtenruf; es stand auf, und von da ab glaubte es alles. Wäre es unglücklicher und beunruhigter gewesen, man hätte es weniger leichtgläubig gesehen. Aber weil es sich belügen ließ, sollte es nicht auch noch verleumdet werden. Im Januar 1917 lauerte ich im Hause einer Bekannten dem damaligen Staatssekretär Zimmermann auf. Er trat ein mit der forschen Bonhomie eines Kegelklubpräsidenten, der mir jede Schüchternheit benahm, und als ich mit meiner Rede über die elsässische Frage zu Ende war, nickte er ganz kulant und bemerkte; „Wir müssen nur bedenken, was wir dem deutschen Volk zumuten können.“ „In vier Tagen haben wir es hineingelogen, vielleicht lügen wir es in acht Tagen wieder heraus“, sagte ich. Er schien kein bißchen choquiert. In der Politik gibt es ja keine Moral.

10. MÄRZ. Heute kam Herr v. Sch. mit der erstaunlichen und fatalen Eröffnung zu mir, daß sein Chef mich zu sehen wünsche. Herr v. Sch., den ich von London her kenne, hatte sich große Mühe um meinen Paß gegeben, und im ersten Schrecken fiel mir keine Ausflucht ein. Ich wagte nicht, es Fortunio mitzuteilen, der sicher dagegen gewesen wäre, sondern spielte wieder einmal mit dem Feuer und bat Aramis zu mir. Sollte ich wirklich über die Brücke von Kirchenfeld, so wollte ich keine Anspielungen darauf, sondern wünschte um so mehr, daß man es wisse, als man es ja doch wissen würde.

Aramis kam sofort zu mir. Wir verabreden ein paar sehr direkte Sätze, die ich während meines bevorstehenden Besuchs möglichst pointiert anzubringen hätte, und daß ich nachher zu ihm kommen würde, ihm die Wirkung jener Worte mitzuteilen.

11. MÄRZ. Sonntag. Das Wetter ist schön und warm. Die Sonne lacht bis in das Auto hinein, in dem ich neben Herrn v. Sch. Platz genommen habe. Schafwölkchen treiben so zuversichtlich am Himmel, und er hängt so hoch, daß ich nicht sogleich die leise Hoffnung unterdrücke, der Besuch würde am Ende doch nicht ganz resultatlos sein. Aber nichts von Sonne an Herrn von Rittersporn, vielmehr der Widerschein des sterbenden Tags. Ich hatte vor mir einen jener persönlich uranständigen, autoritätsgläubigen Deutschen strengster Observanz, die vor lauter Gewissenhaftigkeit und Loyalität und Treue und Ehrenhaftigkeit zur Vertretung der unehrenhaftesten Methoden unverbrüchlich auf dem Posten ausharren, ein Mann, der privatim gewiß nie eine Lüge sagte und nur offiziell und in Gottes Namen log. Mit seltsamer Distanzierung, als sei ich die Angehörige eines fremden Staates, fing er das ganze Weißbuch mit einer so deprimierenden Weitschweifigkeit an aufzusagen, daß wirklich nur das fehlte, was es selber wegließ. Er war bleich, müde, sichtlich schwer unter dem Kriege leidend. Endlich wurde er fertig mit seinem récital, und ich hatte das Wort in diesem großen, vielfenstrigen, hellen und doch so unfrohen Salon, in dem keine rechte Zuversicht aufkommen wollte. Zwar schien auch ihm die französische Frage vor allen andern am Herzen zu liegen, aber das Feuer, mit dem ich sprach, dünkte mir selber deplaciert. Hier ist ein Stuhl, schloß ich, faßte ihn mit beiden Händen und sprang auf, hier ist ein Tisch: nur eins ist heute wichtig auf der Welt: die Formel zu finden, welche es den Franzosen ermöglicht, in diesem Stuhle Platz zu nehmen! „Ich bin vollkommen Ihrer Ansicht“, sagte er. Und zum ersten Male schwante mir, wie wenig er vermochte. Auf Aramis übergehend, hob ich jetzt seine Beziehungen, sein Geschick, seinen guten Willen hervor, sowie die Chancen, die er als Vermittler bot. Hier jedoch fiel ein Schatten. Ich fand keinen Anklang. Es war die alte Kamarilla, ich merkte es wohl, vielleicht auf indirekte Umtriebe Telramunds zurückzuführen, aber auch Widerstände, Unsachlichkeiten. Ich hatte Carry mit Aramis zusammengeführt, ohne Parteinahme, weil es sich von selbst ergab, und man mißgönnte ihm den Vorsprung. Auch Carry war voll Ehrgeiz, aber er besaß Schwung, eine künstlerische Ader, Sinn für Kameradschaft, Ritterlichkeit. Man wußte, wie man mit ihm dran war. Auf seine Fehler wie auf seine Tugenden fiel das Mittagslicht. Il ne ment pas, hieß es auf gegnerischer Seite von ihm. Dies besagte so viel in Tagen wie den unsern! In der europäischen Literatur ungemein bewandert und von regstem Geiste, besaß er zudem eine glückliche und wohltuende Art mit Menschen umzugehen und hatte etwas Jünglinghaftes bewahrt. Selbst ein Mischling, war er rassenmäßig den andern lange nicht so fremd wie seine zünftigeren Kollegen.

Es war nahe an zwei Uhr. Vergebens mahnte man zu Tisch. Daß die Unterredung sich so in die Länge zog, unterstrich ihre Nutzlosigkeit nur noch mehr. Auf dem Heimweg, in dem schneidend kalten Alpensonnenlicht wurde es mir mit jedem Schritt bewußter. Die Aare floß so leuchtend blau wie vor zwei Stunden, als ich über die Brücke fuhr. Mutlosigkeit aber drückte mich in diesem Augenblick zur Greisin nieder. Wie eine Hundertjährige lehnte ich über das Geländer und sah zu den Kindern hinab, die wie besessen schrien. Dann raffte ich mich auf und rannte die kalten Schatten der Keßlergasse entlang zu mir hinauf. Plötzlich fühlte ich, wie verausgabt ich war, warf mich auf den Diwan und schlief ein. Aber um vier Uhr erwartete mich Aramis, und dies weckte mich beizeiten. Ich strich jetzt die Lauben auf der Sonnenseite hinauf. Oh wie deutlich ist mir der Schein, in dem sie lagen! Wie ein tobender Schmerz, der auf Sekunden aussetzt, riß er mich auf einen langen Augenblick in seinen Bann, tauchte mich schonungslos unter in sein Gold, ließ mich bewußtlos werden wie die uralten Häuserreihen, die es durchdrang: unempfindlich werden vor Empfindung.

Bei Aramis herrschte an diesem Vorfrühlingstage schon sommerliche Kühle. Eine leise Spannung lag in seinen Zügen, und die Wärme, mit der er mich begrüßte, kontrastierte doch recht seltsam mit dem Empfang, der mir vor ein paar Stunden zuteil geworden war. Was ich ihm aber zu sagen hatte, war so verdammt unwesentlich, derart neben hinaus, daß ich erschrak, indem ich es formulierte. Es ließ keine Spur von Bereitwilligkeit, ihn ernst zu nehmen, verraten. Und da es vollkommen zwecklos gewesen wäre, ihm etwas vorzulügen, durchschaute er natürlich die ganze rettungslose Sturigkeit, in die man ihm gegenüber sich versteifte.