17. MÄRZ. Abends bei Dätwyler im kleinen Zimmer mit Carry und Fortunio. Dieser entfaltet mir gegenüber eine aggressive, ja feindselige Haltung größten Stiles, die keinen Zweifel läßt, daß er von den Vorkommnissen der letzten Tage gehört hat. Heftige, immer heftigere Szenen auf dem Heimweg. Ich bebe vor Zorn und sehe ihn so haßerfüllt an, daß er erschrickt. Eine schlaflose Nacht krönt die Explosion.

Wie ungerecht war Fortunio! Wie falsch wurde ich hier gesehen! Im Juni wollte ich nach München fahren und dachte heute schon an das Schlößchen im bayrischen Vorgebirge wie an eine selige Insel. Waltete dann Telramund noch hier — soviel stand fest —, so kam ich nicht zurück.

Und ich suchte Trost, indem ich an das Schlößchen dachte, angelehnt an den ernsten Berg: an die lange hölzerne Laube mit dem hölzernen Gartensaal; wie von Adalbert Stifter für eine seiner Verlobungsszenen erdichtet. Und die Freundin selbst, die immer Werdende mit der weiten Note der Leidenschaft, wer, kam ihr gleich? Ging, blickte, lächelte, lebte sie ihren Tag von Jahr zu Jahr nicht Göttinnen ähnlicher? Wer kannte sie? Wie schön und insgeheim war unsere Freundschaft verkapselt! Wie verlor die innere Einsamkeit so manche Schärfe zwischen uns! Weil ich den Spiegel ihres Wesens unausgesprochen mit mir führte und sie es wußte, war ich, die immer Zusammenbrechende, ihr Halt. Wer vergalt mir dies hier? — Eine Fratze sah man statt meiner.

18. MÄRZ. Sonntag. Fortunio in dunkelblau und Strohhut holt mich ab, um nach Worb zu fahren. Es hat sich auf die Feindschaft von gestern wie ein neuer Friede zwischen uns aufgetan. Wieder liegt das Land in jenem schonungslosen Licht des Berner Oberlands, das, ich weiß nicht warum, in die Seele schneidet. Aber das Wetter war so warm und strahlend, daß man immer wieder innehielt, vor einer ersten Blume, ein paar Schafen, einem Hause. Wir sprechen heute in aller Ruhe über die Dinge, über die wir gestern stritten. Ich sagte ihm, daß ich manchmal mit der Sicherheit einer Mondsüchtigen Dachrinnen entlanglaufen müsse; wenn sie dann herunterfällt, ist es ganz und gar ihre Sache. — „Ich fürchte weniger, daß Sie vom Dach als zwischen zwei Stühle fallen.“ — „Aber das ist ja gerade mein Platz! Jeder von uns ist heute stärker sich selbst, handelt unweigerlicher seiner Natur nach als jemals zuvor, und ich habe es halt immer mit dem Vermitteln gehabt.“ — Er schüttelte den Kopf: „Es sieht nichts dabei heraus.“ Und weil auch ich davon überzeugt bin, beteuerte ich, sind es nur mehr Gelegenheiten, die sich mir aufdrängen, welche ich ergreife. Niemand hätte ungerner die Brücke passiert.

„Ich hätte es nicht getan“, sagte Fortunio.

„Es gibt Leute, die nicht dazu da sind, nein zu sagen. Zugegeben,“ sagte ich, „daß es die Belangloseren sind.“

Wir kehrten in ein dunkles, altes Gasthaus ein, und es gab wundervolles Brot, wundervolle Butter und ebensolche Marmelade. Wahrscheinlich war es heute auch in Deutschland schön, und die Menschen suchten das Freie dort wie hier. Es sei denn, daß sie es vorzogen, sich nicht hungrig zu laufen, da es ja in keiner Herberge etwas Richtiges für sie gab. Besonders die Kinder . . . so ist einem heute alles vergällt.

21. MÄRZ. Der Brief einer Deutsch-Amerikanerin, die sich auf der Rückreise nach New York in Zürich aufhielt, setzte mich in großes Erstaunen. Kinderlos, von Haus aus eine biedere Württembergerin mit steinschweren Augen, war sie, in Ermangelung jeglichen Ventils für ihre natürliche Schwermut, dem Okkultismus verfallen und ein Schreibmedium geworden. Sonst ohne andere Interessen — selbst während des Krieges — als ihren Mann, ihren Haushalt und allenfalls ihre letzte Häkelarbeit, paßte dieser vom Zaun gebrochene Brief — wir kannten uns kaum — in keiner Weise zu ihrem Phlegma. Wie kam sie zu meiner Adresse? — Sie schrieb mir, daß sie mich warnen müsse.

Zürich.

22. MÄRZ. Der Brief der schwäbischen Amerikanerin ließ mir keine Ruhe, und ich fuhr hierher. Am Berner Bahnhof kaufte ich Zeitungen für unterwegs. Sie waren alle von Berichten über Verwüstungen der deutschen Truppen auf ihrem Rückzug aus Nordfrankreich erfüllt: eine künstlich gestartete Agitation, dachte ich erst, um dem, in den letzten Wochen abflauenden Haß neue Nahrung zu geben und Öl in das abnehmende Feuer zu gießen. Denn leise, leise war von der Möglichkeit zu vermitteln die Rede gewesen. Da koppelten sich denn die Interessenten des Krieges zu neuen Präventivminen zusammen. Glich ihnen dieses nicht auf ein Haar? Aber zu meinem Entsetzen fand ich da jene Verwüstungen, und zwar mit unleugbarer Genugtuung als „militärische Notwendigkeit“ in den deutschen Blättern bestätigt. So war jenem so aufgerissenen und gemarterten Boden eine neue Schmach zugefügt, und ein genarrtes Volk gehorchte als sein eigener Henker den Befehlen, die ein Hut voll toll gewordener Idioten, „Oberste Heeresleitung“ genannt, ihm erteilte. Diese „militärischen Notwendigkeiten“! Oh, wieviel deutsche Landsmänner würden ihretwillen kläglich verderben! — Ein Sturm brach in mir los, um so heftiger nur, als er in Ohnmacht sich entfesselte und seinem Rasen nichts im Wege stand, als die Wurzeln meines Seins, an welchen er riß und, wilden Regentropfen gleich, kalte Tränen aus meinen Augen schlug. Stäupen hätte ich sie lassen mögen, diese Herren Befehlshaber, keine Strafe wäre mir jämmerlich genug erschienen für diese menschenunwürdigen Köpfe, deren Nasen kurz ausliefen wie die Schnauzen der Hunde, oh! ebenso unfähig wie Hunde den geistigen Gang der Dinge zu spüren! Und die erbärmlichen Blasen dieser infantilen Gehirne, durch ein Wunder des Teufels für wirkliche Felsengebirge gehalten, beherrschten und verrammelten heute als „militärische Notwendigkeiten“ alle Straßen der Welt! Nein! das war kein Leben! Es war nicht zu ertragen! Es war mir fremd das Geschlecht, das solche Dinge befahl und sich nicht scheute, sie auszuführen. Und ich war betroffen! und ich war mitgefangen. Mitgehangen war ich, ohne mitzugehen! — Der Zug lief in die Halle ein; die Passagiere verließen ihn. Hatte der Wahnsinn der Welt mir den Verstand geraubt? — Ich konnte mich nicht besinnen, weshalb ich da auf dem Zürcher Bahnhof stand. Er war von beißendem Nebel erfüllt, und mit hochgestülpten Kragen eilten alle dem Ausgang zu, während ich, den Mantel am Arme, im dünnen Kleide dastand, in unerträglicher Hitze und stürmisch bereit, aus dieser Welt, wie sie sich drehte, davonzulaufen. Ein Dienstmann fragte, wohin ich wollte, und ich sagte, daß ich es nicht wisse. Uralte Instinkte der Rachsucht und der Wildheit tobten in mir wie einst die Peitschen des Xerxes gegen das Meer! Ha! was wollten sie noch in der Weltgeschichte, diese verspäteten Hanswurste in dem lächerlichen Aufzug ihrer frisierten Helmbusche, ihrer aus gelbem Blech gedrehten Achselrollen, den zurückgeschlagenen roten Eselsohren ihrer Mäntel, ihren albernen Säbeln, gut für ein Possenstück, gut für ein Schaukelpferd, ein Ulk, bevor wir uns erniedrigten, davor zu zittern.