Wie es zusammenhing, daß ein fliegender Zeitungsstand die Erinnerung zurückrief, welche mir doch gerade die Zeitungen geraubt hatten, mögen andere erklären, ich telephonierte an Frau Eleonore Grell: sie war zu Hause. Aber auch ihr Gatte, Onkel Sam aus Mannheim, der flinke Geschäftsmann mit dem schnurrigen Schnurr- und Vollbart, befand sich at home. Er hatte sich das okkulte Getaste seiner Frau energisch verbeten und glaubte es infolgedessen längst unterdrückt. So trafen wir uns denn bei Huguenin, aber sie beteuerte mir, nichts anderes sagen zu können, als was sie mir auf ein inneres Drängen hin geschrieben hatte. Ich ließ ihr aber keine Ruhe und folgte ihr auf gut Glück in ihr Hotel. Und richtig war ihr Mann inzwischen ins Freie spaziert.

Wir setzten uns ans Fenster, welches die Limmat überhing. Der See, die Wolken und das ferne Bergland leuchteten im Abendschein grüßend und verträumt in dies hochgelegene Zimmer.

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Hier schalte ich für den Leser eine Warnung ein: die Unwirklichkeit spielt in diesem Buch so stark in die gröbste Wirklichkeit hinein, daß ich gerade die besten, an die ich mich doch wenden möchte, abzustoßen befürchte. Aber ich muß mich streng an die Begebenheiten und ihre Reihenfolge halten, und wenn ich nicht ebenso chronologisch das große Spiel der Schatten mit hereinbeziehe, ist dieses Buch nicht wahr.

Sobald wird ja der Okkultismus seine besondere Peinlichkeit gewiß nicht los. Denn für Namenloses ziehen da Benennungen mit großem Schwalle herauf, und geistiger Brechreiz ist die unweigerliche Folge. Wer sich heute auf den Weg zum Nichts aufmacht, ist jenen Steinklopfern vergleichbar, die auf ein fragliches Echo hin die Felsenwand behämmern, und mitten im treibenden Geröll Schutt ablagern, wo kein Liebhaber des Schönen seinen Fuß noch setzt. Und doch wird für ihn vielleicht die Straße hier gelegt, die nach dem dornenumwachsenen Reiche schaut, vor welchem Ferne, Wachstum und Allmählichkeit entstürzt. Denn ob dein Sarg noch auf den Schultern derer lastet, die ihn hinaustragen, oder ob deine Grabesinschrift seit Jahr und Tag verwitterte, ist gleich.

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Ich kehre zurück in das hochgelegene Hotelzimmer, wo wir auf einem roten Repssofa beim Fenster saßen, das die Limmat und den See und Ferne und Gebirge übersah. Von Heerscharen erfüllte sich die Luft. — Auf den Ruf welches Jagdhorns — uns Tauben nur unhörbar — eilten sie her? — Wie durchsickertes Gestein so schwoll die Stube an. War der Ansturm der Schatten das Neue, was es unter der Sonne gibt? — Aber schon war ich des einfachsten Denkens nicht mehr fähig: alle Poren des Gesichtes sanft gebläht, ergoß sich unaussprechliche Verlorenheit, ein hinträumen, unbeweglich wie ein Leben lang. Das Herz erstickte von all dem Sang und Braus. Kein Mißton trübte den unendlichen Chor. Ein Chor sage ich. Kein Ungebetener darin. Hier war die Sichtung: volles Orchester, nicht wie in unserer Mitte unreines dazwischenfahren, grelles übertönen eines unbefugten Soprans. Ausgekämpft!

Ganz versunken in den Vielen oder in mich, selbst? — (ich unterschied es nicht) — faßte ihr wissen und ihr begreifen das, ganze Herz. Des Mediums hatte ich vergessen. Mir zu Liebe, es ist wahr, doch auf sein Geheiß nur waren sie hergewallt, so dicht! so feierlich gedrängt! „Sieh dich vor, du kannst nicht wissen, du bleibst allein, oh!“ . . . stammelte die Feder.

Wozu war ich denn hergereist, wenn nicht sie zu vernehmen? Und nun dünkte mich dies so fremd und kindisch, ein Bilderbuchbegriff. Gab es denn im Scheine dieser wogenden Luft etwas wie eine Zukunft? Führte man sie nicht mit sich wie ein Geweih? Wuchs sie nicht an mit uns? War sie denn nicht der eigene Hauch, der eigene emporstrebende oder schwankende, flackernde oder in nichts zerrinnende Schatten? Stand sie nicht als der Wald, der aus seinen Tiefen unsern eigenen Ruf zurückhallt? — so die Völker, so der einzelne. Was immer ihnen glückliches oder grausames begegnet, jeden Zufall riefen, beriefen sie herauf. Wir nennen’s Zukunft! —

Frau Eleonore Grell hielt mir ein Blatt entgegen, das mit den Schriftzügen eines zehnjährigen Mädchens überzogen war. Es besagte immer dasselbe: Im Nu war alle Weisheit abgeworfen und die Furcht, die mich hierher getrieben hatte, wieder da.