Da er solches geredt hätt, gebot sie ihm, bei ihr nieder zu sitzen, und saget zu ihm: „Mein edeler Bruder und Herre, ich danke dem allmächtigen GOTT, meinem Schöpfer, daß Er uns verliehen hat einen solchen glückseligen Tag. Wann ich schätze mich für die Glückseligste dieser Welt, daß ich gefunden hab einen so adeligen Menschen eines solchen hohen und großen Geschlechtes, des gleichen nicht gefunden wird auf Erden in Tapferkeit, Zucht, Schöne und Weisheit. Dieweil dann dem also ist, daß wir zwei Liebhabende einander von Herzen lieben und geneigt sein, und ihr, mein edelster Herre, seid von meinen wegen hieher in dies Land kommen, und habet es baß ausgericht dann alle anderen, habet auch den Preis und Namen aller Ritterschaft, so darf ich mich wohl glückselig schätzen, daß ihr von meinen wegen Vater und Mutter, Land und Leute verlassen. Darum, edeler Ritter und Herre, will sich nicht geziemen, daß ihr euer Arbeit verlieret, die ihr also getreulich daran gesatzet habet. Und die Weil ihr mir euer Herze und Gemüt entdecket habet, ist es billig, ich tue euch also. Hierum, sehet hie euer Magelona ganz und gar. Und setze euch einen Meister und Herren meines Herzens; und bitt, ihr wollet solches heimlich, ehrlich und verborgen halten, bis zu der Zeit unsers Verlöbnis. Und seid meines teils sicher, daß ich lieber wollte bald den Tod leiden, dann mich und mein Herz gegen einem andern bewilligen.“
In dem nahm sie eine gulden Ketten von ihrem Hals, daran hing ein kostlich Häftlin, und henket es ihm an seinen Hals und sprach: „Durch diese Ketten, aller liebster Freund und Gemahel, setz ich euch in Besitz meines Leibes, und verheiße euch treulich, wie einer Königstochter geziemet, keinen andern zu nehmen dann euch.“
In dem nahm sie ihn freundlich in ihre Arme. Da kniet der Peter für sie nieder und sprach: „Mein aller liebste edelste Fürstin, die schönest unter allen dieser Welt, ich bin nicht würdig, euch darum Danksagung zu tun. Doch wie ihr gesaget habt, also bleib es darbei; ich bin es wohl zufrieden. Ich verheiße auch euch hiemit, euer Gebot und Befehl treulich zu erfüllen, so es GOTT gefällt. Und so es euch geliebet wäre, von euerm Gemahel zu empfahen diesen Ring, mein darbei zu gedenken.“ (Dieser war der dritte Ring, welchen ihm gegeben hätt sein Mutter, als er von ihr hinweg zog; der dann kostlicher war, dann die zween anderen.)
Also empfing die Schön Magelona den Ring gutwilliglich, und wendet sich wieder gegen ihm, ihn wieder in ihre Arme zu nehmen und zu küssen. Nach dem allem rufet sie der Ammen wieder. Da die zwei nun lang mit einander allein hätten geredt, beschlossen sie mit einander, wie sie oft und dicke möchten einander sehen.
Also nahm der Peter Urlaub von der Schönen Magelona, und ging stille wieder in sein Herberge, doch fröhlicher, dann er gewohnet war. Und die Schön Magelona blieb also in ihrer Kammer bei der Ammen, und tät nichts der gleichen, ließ sichs auch gegen niemand merken.
Oft und dicke darnach redet die Schön Magelona mit ihrer Ammen von ihrem aller liebsten Peter und sprach: „Was bedunket dich von meinem getreuen geliebten Ritter? Ich bitte dich freundlich, du wollest mir's sagen, und ganz nichts verhalten.“ – „Fürwahr,“ saget die Amme, „mein liebstes Fräulein, er ist also schöne, züchtig, tapfer und freundlich in allen seinen Gebärden, daß mich gedunket, es möge nicht anders sein, er müsse von einem hohen Geschlecht sein.“ Auf das antwortet ihr die Schön Magelona: „Habe ich dir nicht allwege recht gesaget? Wann mein Herz und Gemüte verstund es wohl. Darum ich mich begnügen lasse, daß ich in seine Kundschaft kommen bin, GOTT hab Lob! Wann es ist kein Tochter also hoch geboren auf Erden, so sie die Hälfte von ihm wüßte, als ich weiß, sie vermeine sich glückselig, so sie ihn möchte zu einem Liebsten haben.“
Darauf antwortet ihr die Amme: „Liebstes Fräulein, es ist alles wahr, wie ihr saget. Doch bitt ich euch eines freundlich: ihr wollet nicht leichtfertig sein aus Liebe. Wann so ihr werdet zu Hofe sein bei anderen Jungfrauen und Frauen, des gleichen der Ritter, wollet euch nichts vernehmen, noch vermerken lassen. Wann so es von euch geschähe, würden euer Vater und Mutter solches leichtlich verstehen; daraus dann möchten entspringen zweierlei Übel: das erste, daß ihr schamhaftig würdet, und verlieren euers Vaters und Mutter Gunst; das ander, so sie es inne würden, möchte der Ritter getötet werden, darinne ihr ein Ursach an dem Tod eines solchen edeln Ritters wäret, der euch lieber hat, dann sich selbst. Und zum dritten, so würde ich auch gestrafet werden. Darum ich euch freundlich bitte, ihr wollet euch weislich halten, als einer hoch geboren Tochter zu tun gebühret.“
Da sprach die Schön Magelona wider ihre Ammen: „Mein liebste Amme, in diesem und anderm will ich folgen deinem getreuen Rat, wann ich erkenne, daß du nur allerwegen treulich geraten hast. Und bitte dich freundlich, so du was an mir siehest, das mir nicht zu tun geziemet, du wollest mir's untersagen, oder mit einem Zeichen anzeigen. Wann ich will dir folgen als meiner liebsten Ammen und Mutter. Doch noch eins will ich dich freundlich bitten: so wir zwo alleine bei einander seien, du wollest mir vergönnen, zu reden von meinem liebsten Menschen; damit ich meine Zeit desto leichter verbringen möge, bis daß ich erkenne, wo es endlich hinaus wolle. Und vor allen Dingen bitte ich dich, du wollest raten und helfen, damit ich ihn oft möge sehen und mit ihm reden. Wann ich weiß kein ander Freud zu haben in dieser Welt; und so durch Unglücke, da GOTT vor sei, ihm was widerführe, wisse, mein liebste Amme, daß ich mir mit meiner eigenen Hand wollte den Tod tun.“
Nun, da der Ritter wieder heim in sein Herberge war kommen, betrachtet er die große Freundlichkeit, die ihm widerfahren war, und lobet GOTT, daß ihm solches begegnet. Er vermeinet auch, GOTT hätte sonst keinem Ritter eine so hohe seltsame Freundlichkeit und Ehr zu gesandt als ihm. Er verwundert sich auch in sich selbst der übertrefflichen Schöne der Magelona. Daraus er verursacht ward, mehr zu Hof zu kommen, dann sein Brauch war. Doch hielt er sich ganz weislich und stille gegen dem König und anderen, damit er nicht vermerket würde. Also, daß ihn jedermann lieb gewann am Hofe, nicht allein die großen Herren, sondern auch das gemein Hofgesinde. Und wann er die Zeit vermerket, darinne er unvermerkt sein Augen mochte speisen, sah er die Schöne Magelona freundlich an. Solches geschah alles von ihm weislich heimlich und verborgen. Wann er dann Befehl hätt von dem König oder der Königin, zu reden und kurzweilen mit der Schönen Magelona, so ging er auch hinzu. Also vertrieben die zwei dann ihr Zeit mit einander.