Der Zeit war ein reicher und edeler Ritter aus dem Land Romania, der war sehr mächtig, und von wegen seiner Macht und Redlichkeit ward er sehr gepriesen, mit Namen Herr Friedrich von der Krone. Der selbe gewann eine Lieb zu der Schönen Magelona, aber sie hätt sein gar keine Gnad. Eines mals satzet er sich für, Ritterspiel zu üben in der Stadt Neapel; wann er vertrauet in seine Macht und Stärke, dardurch Preis und auch die Huld der Schönen Magelona zu überkommen, die dann sein wenig achtet. Auf das tät er eine Bitt an den König von Neapel, er wölle ihm Ritterspiel zu üben vergünnen. Also ward es ihm von dem König zu gesaget. Und ward aus gerufen in Frankreich und um liegenden Orten ein Stechen dieser Gestalt: welche Ritter willens wären, zu stechen aus Liebe der Jungfrauen oder Frauen, sollten erscheinen in der Stadt Neapel am Tage Unser Frauen Geburt. Da würde man sehen, wer sie lieb hätte.
Aus solcher Ursach wurden viel Fürsten und Herren zu erscheinen beweget, und waren die Namen der Trefflichsten diese nach folgenden: zum ersten kam eingezogen Herr Antoni, ein Bruder des Herzogen von Savoyen, zum andern Herr Friedrich, ein Bruder des Markgrafen von Montferrat, zum dritten Herr Eduard, des Herzogen von Bourbon Bruder, zum vierten Herr Peter, ein Neff des Königs zu Böheim, zum fünften Herr Heinrich, ein Sohn des Königs von Engelland, zum sechsten Herr Jacob, des Grafen von Provincia Bruder, ein Vetter des Ritters mit den silbern Schlüsseln, wie wohl er ihn auf dies mal nicht erkennet; und viel ander mehr. In der Stadt Neapel waren auch der edel Ritter Peter von Provincia und sein Geselle, Herr Heinrich von Crappana, und ander, deren Namen von wegen der Menge aus geblieben. Alle Obgenannten lagen sechs Tage stille in Ruh in der Stadt, ehe das Stechen anfing. Es wird auch in keiner Historien gefunden, daß je also viel guter Leute wären auf einmal in dieser Stadt gewesen. Darum der König Magelon ihnen allen viel Zucht und Ehr bewies.
Als nun kam der Tag Unser lieben Frauen Geburt, stunden sie frühe auf und hörten Meß. Nach dem bereiteten sie sich zu, ein jeglicher nach dem Besten, und ritten auf einen Platz, Cathonie genannt, da der König auf gestiegen war auf einen hohen Schaustuhl, samt anderen Fürsten und Herren. Und auf einem andern Stuhl stund die Königin mit ihrer Tochter, der Schönen Magelona, und anderen Jungfrauen und Frauen, dem Stechen zu zu sehen. Und waren gar lustig zu sehen so viel schöner Jungfrauen und Frauen, unter welchen allen die Schön Magelona herfür leuchtet, als der Morgenstern am Anfang des Tages.
Da verharrten die Ritter alle auf den königlichen Befehl, und der erste, der sich ließ sehen mit der Pracht, das war Herr Friederich von der Krone, von wes wegen das Stechen angefangen. Nach ihm kam geritten Herr Antoni, und darnach alle anderen, ein jeglicher in seiner Ordnung. Und die Schön Magelona hätt allwegen ein Auge gewandt auf ihren freundlichen Peter, der da kam mit den Letzten.
Als solches geschehen, befahl der König seinem Herold, aus zu rufen, daß das Stechen sein solle freundlich, mit Liebe, ohne Schmähung des andern; das dann durch den Herold geschah, und daß hinfür ein jeglicher das Beste tät.
Da fing an Herr Friedrich von der Kron, zu sagen also laut, daß es jedermann wohl verstehen mocht: „Ich will auf den heutigen Tag erzeigen mein Stärke und Vermögen, von wegen der edeln und schönen Magelona, aus ganzen meinen Kräften.“ Und zog darmit der erste auf die Bahn. Wider ihn kam auf die Bahn Herr Heinrich, des Königs von Engelland Sohn, ein schöner Ritter. Und trafen beide so wohl, daß beider Spieß brachen. Jedoch, wäre man Herrn Heinrichen nicht zu Hilfe kommen, wäre er gefallen; wann er war ein wenig taumelig. Nach diesem Herrn Heinrich kam einer, genannt Lancelot von Valois, der vom ersten Treffen Herrn Friederichen herab ledig stach. Da kam der edel Peter von Provincia wider den Lancelot, wann sein edels Herz und Gemüte mochte nicht länger verziehen. Er ward von jedermann genannt der Ritter mit den Schlüsseln, wann niemand wußte seinen Namen, noch Geschlechte. Und trafen einander also heftig, daß die Pferde mit ihnen beiden zu Boden fielen. Da ward gesaget von dem König und anderen, daß die zween sehr stark und mächtig wären. Und tät der König ihnen als bald befehlen, sie sollten ihre Pferde verwechseln und andere nehmen, ob sie wollten, und noch einmal mit einander treffen, damit man sehe, wer unter ihnen den Preis erlange. Das als bald von ihnen beiden geschah, und saßen wieder auf. Es darf nicht Fragens, ob die Schön Magelona mit einem traurigen Herzen habe GOTT gebeten für ihren liebsten Peter, damit ihm nichts widerführe, und damit ihm der Preis werde.
Da nun die zween wieder auf gesessen wären, zugen sie zum andern mal auf die Bahn, da dann ein jeglicher den Preis zu erlangen sich befliß. Und begegneten wieder einander, der Gestalt, daß der Peter dem Lancelot den Arm entzwei brach; und stieß ihn also aus großen Kräften zu der Erden, daß der König vermeinet, er wäre tot. Und ward also von der Bahn von den Seinen in sein Herberge getragen.
Da kam wider den edeln Peter Herr Antoni von Savoyen, der nicht also stark war als der Lancelot, und den der Peter leichtlich zu Boden stieß. Nach dem kam gezogen Herr Jacob von Provincia, sein Vetter. Peter erkennet ihn wohl, aber er ward von seinem Vetter nicht erkannt. Da nun der edel Peter seines Vaters Bruder sah sich zu dem Spiele schicken, saget er zu dem Herold: „Gehe hin, und sage jenem Ritter, daß er nicht wider mich komme. Wann er hat mir eins mals einen Dienst getan in der Ritterschaft, darum ich ihm schuldig, wiederum zu dienen. Ich wollte ihm ungern einen Verdruß tun. Sage ihm auch darbei, ich lasse ihn bitten, er wölle mein verschonen. So bin ich gutwillig, offenlich zu bekennen, daß er ein besser Ritter sei dann ich.“
Solches richtet der Herold aus, wie ihm dann befohlen war. Da das Herr Jacob verstund, ward er zornig; wann er ein guter Ritter war. Er hätt auch den edeln Peter zu Ritter geschlagen mit eigener Hand, darum ihm dann der edel Peter die Ehre gab. Da fing Herr Jacob an zu sagen zu dem Herold: „Sage dem Ritter, wer er ist, habe ich ihm je Liebs getan, ich sage ihn hiemit frei, quitt, ledig und los. Noch mehr, so er sich gegen mir nicht wehret, will ich ihn halten für einen, der kleine Kraft in ihm hat.“ Das dann der Herold dem edeln Peter wieder saget. Da solches der edel Peter von seinem Vetter vernahm, ward er auch zornig. Und beschweret ihn nicht ein wenig, daß er mit seinem Vetter mußte treffen. Doch mußte er es tun, damit er nicht von den Leuten erkannt werde. Als es an ein Treffen ging, da führet der edel Peter seine Stangen die Quere über, wann er wollt seinen Vetter nicht treffen. Aber sein Vetter verschonet sein nicht, und traf ihn auf seine Brust und zerbrach seine Stangen und fiel auf den Sattel seines Pferdes. Aber der edel Peter verwandt sich nicht, ihn gedauchet auch, eine Feder hätt ihn an gerühret. Das nahm der König gewahr, und sah wohl, daß solches der Ritter mit den Schlüsseln getan hätt aus Höflichkeit. Doch wußte er nicht, warum es geschah; aber die Schön Magelona verstund es bald, warum der Peter solches tät. Doch schickten sich die beiden zu dem andern Treffen, und tät der Peter nicht anders, dann wie vor. Aber sein Vetter sparet es nicht, und traf ihn also heftiglich, daß er sich selber am Peter ledig herab stach. Der Peter hätt auch darum nie keinen Stegreif geraumet und am Treffen beweget, darum sie sich alle verwunderten. Da das Herr Jacob gesehen hätt, und auch empfunden, daß er also stark war, und hätt ihn nicht mögen bewegen, auch, daß er von ihm nicht getroffen war, tät er sich verwundern, und wollt nicht wieder kommen; also zog er ab. Er wußte auch nicht, daß es sein Vetter, der edel Peter, wäre gewesen.