Nun, da der Peter von Provincia sah die Schöne Magelona ohn einen Schleier, da erkennet er sie erst recht, daß sie die war, die er also lang gesuchet hätt. Und stund auf, fiel ihr um den Hals und tät sie freundlich küssen in rechter guter Liebe; und fingen an, beide zu weinen vor Freuden. In solcher Gestalt blieben sie lang bei einander, und kunnt keins kein Wort reden vor großen Freuden.

Doch nach mals setzten sich die zwei zusammen, und erzählet eines dem andern sein Unglück. Ich weiß die Hälfte nicht zu erzählen der Freuden, die sie hätten, und geb solches einem jeglichen selber zu bedenken. Solche Ding lassen sich auch baß bedenken, dann schreiben. Jedoch mochten sie sich nicht ersättigen ihres Küssens und Erzählens und richteten den ganzen Tag nichts aus, dann küssen und einander zu klagen. Es begab sich auch, daß die Schön Magelona ihm an zeiget, wie sie die vierzehen Lägel hätt empfangen mit dem Schatz, die er verloren hätt; und saget ihm, wie sie die Hälfte hätt verbauet an dem Gotteshaus, was zu hören der edel Peter erfreuet war.

Nach dem beschlossen sie mit einander, wie sie diese Sachen dem Grafen und der Gräfin wollten zu wissen tun. Doch saget der Peter der Schönen Magelona, er hätte gelobet, einen Monat in dem Spital zu bleiben, und die Zeit wäre noch nicht vergangen. Saget ihm die Schön Magelona: „Mein aller liebster Herr und Gemahel, wann es euch gefiele, wollte ich zu dem Grafen und der Gräfin gehen und freundlich bitten, sie wollten zu mir kommen auf den Tag, so euer Gelöbnis sich endet. Und so sie dann kämen, wollte ich sie führen in diese Kammer; da wollten wir uns ihnen zu erkennen geben.“

Da solches der Peter höret, gefiel es ihm wohl. Also verschaffet die Schön Magelona, daß der Peter mußte schlafen in ihrer Kammer, aber sie lag in einer andern und dienet ihm wohl. In dieser Nacht schlief die Schön Magelona nicht viel vor Freuden, die sie in ihrem Herzen trug. Und begehret, daß bald Tag würde, damit sie den Grafen trösten möchte seines Leidens; wann sie wußte wohl, daß sie sehr betrübt waren, das sie dann beschweret. Es waren auch an dem Monat, den der Peter hätt gelobet, nicht mehr vorhanden dann vier Tage, daß er sich gegen Vater und Mutter nicht wollte zu erkennen geben.

Da nun der Tag kam, daß sein Gelöbnis aus ging, da kleidet sich die Schön Magelona wieder mit ihren Kleidern, die sie zu tragen gewohnet war in dem Spital; und ging darnach in die Kammer zu dem Peter, der dann auch vor großen Freuden die Nacht hätt wenig schlafen mögen, und nahm Urlaub von ihm. Zog also zu dem Grafen und der Gräfin, die ihr viel Ehr erboten und sie freundlich empfingen, wann sie hätten sie sehr lieb. Und hießen die Spitalerin, zu ihnen nieder sitzen in der Mitten ihrer beiden.

Da fing die Spitalerin an zu sagen: „Gnädiger Herr, auch gnädige Frau, ich bin zu euch kommen, euch ein Gesicht zu eröffnen, das ich gesehen habe die vergangen Nacht; das soll euch erfreuen, daß ihr möget in Hoffnung leben, wann kein Mensch soll verzweifeln an GOTT. Es gedauchet mich, daß Christus, unser Erlöser, zu mir kam und führet einen schönen jungen Ritter bei seiner Hand und sprach zu mir: ‚Dieser ist der, darum du, auch dein Herr und Fraue, so lang haben gebeten.‘ Solches hab ich euch nicht wollen verhalten, wann ich weiß wohl, daß ihr betrübt seid um euern Sohn. Aber glaubet sicherlich, ihr werdet ihn sehen in kurzer Zeit, lebendig und gesund. Darum bitte ich euch, ihr wollet hinweg lassen nehmen euer schwarzen Trauerkleider und auf lassen hängen die Kleider der Freuden.“

Da solches der Graf und die Gräfin von der Spitalerin hätten verstanden, da wurden sie fröhlich, wie wohl ihnen schwer ward zu glauben, daß der Peter noch lebe. Doch der Spitalerin zu Gefallen befahlen sie, die schwarzen Trauerkleider hinweg zu nehmen. Und baten die Spitalerin, sie sölle mit ihnen zu Morgen essen. Aber ihr Herze vermocht ihnen solches nicht zu zu sagen; darum sprach sie, sie hätte darheim zu tun; und bat sie freundlich, sie beide wollten auf den nächsten Sonntag bei Sankt Peter in ihrer Kirchen erscheinen; wann sie hätt gänzlich gute Hoffnung zu GOTT dem Allmächtigen, daß sie würden erfreuet werden, ehe sie von einander ab schieden. Und nahm also Urlaub von ihnen; und sie verhießen ihr, zu ihr zu kommen.

Nach dem kam die Magelona wieder zu dem Peter, der ihrer harret mit großer Begier; und zeiget ihm an, wie sie es hätte aus gerichtet. Sie versehe sich gänzlich, Vater und Mutter würden nicht außen bleiben. Darnach ließ die Schön Magelona viel Kleider machen für den Peter und sie.

Wie der Graf mit der Gräfin kam in das Spital Sankt Peters auf den angezeigten Tag.