Wie die Schön Magelona mit ihrem aller liebsten Gemahel Peter redet und ihn tröstet in seiner Widerwärtigkeit.
„Aller liebster Freund, ihr sollet euch nicht mißtrösten, sondern sollet euch zu GOTT dem Allmächtigen wenden; wann, ohn allen Zweifel, so ihr GOTT werdet an rufen, werdet ihr nicht verlassen, sondern erhört von Ihm werden, und alles das erlangen, so ihr begehret. Ihr werdet auch, ohn allen Zweifel, euern liebsten Gemahel, wieder überkommen, die ihr also herzlich und getreulich geliebet habt. Wann glaubet mir fürwahr, wie euch GOTT der Allmächtig hat beschützet vor dem Tode in euern großen Fährlichkeiten, die ihr erlitten habt, also wird Er euch auch wiederum helfen. Und dieweil Er euch hat zu geschicket Anfechtung und Widerwärtigkeit, also wird Er euch auch geben alle Freude, so ihr Ihm vertrauet. Darum bittet GOTT von Grund euers Herzens, daß Er solches tu! Ich will auch von euert wegen GOTT selber bitten.“
Als der Peter solche Tröstung gehört hätt, da stund er auf und danket ihr. Also ging die Spitalerin in die Kirchen und kniet für den Altar und fing an zu weinen aus großen Freuden, die sie in ihrem Herzen hätt. Und danket GOTT dem Allmächtigen, daß Er ihr solche Gnade mit geteilet, daß sie erlebet hätt, ihren aller liebsten Gemahel vor ihrem Ende zu sehen.
Und als sie ihr Gebet geendet, da ließ sie sich königliche Kleider machen, wann sie hätt Geldes genug und hätt auch wohl gelernt, solche an zu geben zu machen, wie ihr dann zu tragen gebühret. Und ließ darnach ihre Kammer schön zu richten und schmücken auf das Kostlichest.
Und da alle Ding bereit waren, da ging sie zu dem Peter und saget zu ihm: „Mein liebster Freund, kommet mit mir! Ich hab euch bestallt ein Bad, euch zu waschen euer Füße und Bein, das euch hilflich sein soll. Wann ich hab eine gute Hoffnung zu GOTT dem Allmächtigen, meinem Schöpfer, Er werde euch gnädiglich erhören, frisch und gesund machen.“
Er ging mit ihr in die Kammer. Da hieß sie ihn, nieder sitzen und verziehen, bis sie wieder zu ihm käme. Also ging sie in ihre kostliche Kammer und bekleidet sich ganz in die königlichen Kleider und setzet doch den Schleier wieder auf wie vor, als sie gewohnet war zu tragen, und daraus man ihr nichts mochte sehen dann alleine die Augen und die Nasen. Aber unter dem Schleier hätt sie ihr schönes Haar, das ihr ging bis auf das Erdreich und das da leuchtet als das Gold, schön zu gerichtet.
Ging also zum Peter und sprach: „Edeler Ritter Peter, seid fröhlich! Wann sehet hie vor euch stehen euern aller liebsten Gemahel und treue Freundin, die Magelona, von deren wegen ihr also viel erlitten habt. Ich hab auch nicht weniger erlitten von euert wegen. Ich bin die, so ihr, allein schlafend liegen, verlassen habet in dem Holze und wilden Walde; und ihr seid der, so mich hat heraus geführet aus dem Hause meines Vaters, des Königs von Neapel. Ich bin die, der ihr verheißen habt alle Ehr und Zucht bis zu Beschluß unserer Ehe. Ich bin auch die, so euch diese gulden Ketten an euern Hals hat gehenket, und euch die Gewalt übergeben über meinen Leib. Ich bin die, der ihr gegeben habt die drei Ringe, die also kostlich sein gewesen. Hierum, mein aller liebster Herr und Gemahel, sehet mich an, ob ich die sei, oder nicht, die ihr tut von Herzen begehren.“
In dem warf sie ihren Schleier von ihrem Haupt auf die Erden, da fiel ihr schönes Haar herab als das Gold.