Als sie nun gegessen hätten, geschahen mancherlei Spiel und Kurzweil auf dem königlichen Saal. Und ging der König, samt seinem Gemahel, der Königin, kurzweilen; gab auch seiner lieben Tochter, der Schönen Magelona, Macht und Urlaub, mit den Rittern auf dem Saal zu reden. Also begab's sich, daß die Schön Magelona den Ritter mit den silbern Schlüsseln freundlich zu sich rufet. Da solches der Peter vernahm, kam er schnell und willig. Saget sie zu ihm: „Edeler Ritter, mein gnädiger Herr Vater, der König, hat ein groß Gefallen in allem euerm züchtigen Wesen, des gleichen auch die anderen alle, so herinne sind, auch von wegen eurer ritterlichen Sachen, Tugenden und adeligem Gemüte. Hierum, kommt oft herein kurzweilen! Wann mein gnädiger Herr Vater, des gleichen mein gnädige Frau Mutter und alle anderen, tragen ein groß Gefallen hierinne an euch, auch ich, mit samt anderen Jungfrauen und Frauen.“
Als solches der Peter von der Schönen Magelona verstanden hätt, antwortet er ihr züchtiglich: „Gnädiges Fräulein, mir ist's allein nicht möglich, euerm Herrn Vater, dem König, meinem gnädigen Herrn, des gleichen meiner gnädigen Frauen, euer Gnaden Frau Mutter, und so auch euer Gnaden, der Ehren halben zu danken, so mir von ihren Gnaden unverdient erzeiget werden; dieweil mir, also einem armen Diener eines kleinen niedrigen Standes, so viel Ehr erzeiget wird. Wann ich hab auch nicht verdient, genannt zu werden der geringste Diener euer Gnaden Hofgesinds. Jedoch tu ich, hochgeboren gnädiges Fräulein, euer fürstlichen Gnaden demütig Danksagung, und will mich erbieten, solches zu verdienen. Ich will auch allwegen euer Gnaden untertäniger Diener sein, es sei, wo es wolle.“
Da antwortet ihm die Schön Magelona: „Ich bedank mich euers Erbietens, will auch hinfür euch für meinen Diener halten.“ Nach diesen Worten ging die Königin in ihre Kammer, und die Schön Magelona mit ihr, wie wohl ungerne. Doch am Abscheiden saget sie zu dem Ritter: „Edeler Ritter, ich bitt euch freundlich, ihr wöllet oft herein kommen kurzweilen; wann ich hätte wohl etwas mit euch in geheim zu reden von Ritterspielen und anderm, so in euer Heimat geschehen. Und beschweret mich nicht wenig, daß ich dies mals nicht Zeit habe, weiter mit euch zu reden.“ Und nahm also von ihm Urlaub, und sah ihn ganz freundlich an; aus welchem Ansehen er tiefer verwundt ward in seinem Herzen dann vormals.
Und ging also die Schön Magelona in ihre Kammer, mit samt anderen Jungfrauen und Frauen. Doch blieb der König bei den Herren auf dem Saal stehen und redet mit ihnen mancherlei. Da kam er zu dem Ritter mit den silbern Schlüsseln und bat ihn freundlich, so es ihm nicht entgegen wäre, wölle er ihm seinen Namen anzeigen, auch seinen Stand. Aber er konnte nichts anders von ihm erfahren, dann daß er ein armer Edelmann aus Frankreich wäre, und zöge, die Welt zu beschauen, und Ritterspiel üben. Als solches der König von ihm verstanden hätt, ließ er's auch darbei bleiben und hielt ihm's für eine große Tugend seines adeligen Gemüts. Und wollt ihn nicht mehr fragen, wann er vermerket wohl, daß es ihm entgegen war. Also nahm der König Urlaub und ging zu seiner Ruhe; des gleichen auch nahm der Ritter Urlaub von dem König und anderen Herren und tät sich in seine Herberg.
Wie Peter betrachtet die übertreffliche Schöne der Königstochter.
Da nun der Peter von dem König in seine Herberg kam, ging er an einen heimlich verborgen Ort und fing an, zu betrachten und zu Herzen führen die freundliche Red und gnädiges Ansehen, auch die übertreffliche Schöne der Königstochter, der Schönen Magelona; mit welcher Schöne sie gezieret war also tief, daß er kein Rast noch Ruhe mehr hätt.
Des gleichen wiederum, als bald die Schön Magelona in ihre Kammer war kommen, tät sie nicht viel weniger von dem Ritter gedenken, und hätte gern gewußt, wer er wäre, und wie er hieße. Und gedacht, so er eines großen und hohen Geschlechts wäre, wollt sie ihn desto lieber haben angesehen, dieweil er von ihren wegen an den Hof war kommen. Und gedauchet sie wohl, aus Anzeigen seines züchtigen und adeligen Wesens, er wäre nicht also geringe, als er sich schätzet. Und nahm sich für, ihre Liebe die sie zu ihm trug, in großer Geheime zu offenbaren ihrer Ammen, die ihr sonderlich heimlich und treu war.
Eines Tags nahm sie die Amme auf einen Ort in ihrer Kammer und sprach zu ihr: „Meine liebste Amme, du hast mich allwegen lieb gehabt und mir große Lieb erzeiget, darum ich in kein Person dieser Welt also groß Vertrauen setze, dann in dich. Hierum will ich dir etwas sagen auf Vertrauen; allein, du wollest es heimlich halten, und mir deinen getreuen Rat mit teilen. Das wollt ich dir nimmermehr vergessen.“ Also hub die Amme an und sprach zu ihr: „Mein aller liebste Tochter, ich weiß in dieser Welt nichts, des ihr von mir begehret, das mir möglich ist, ich wollt es tun, und soll ich darum sterben. Derhalb, saget mir kecklich, und eröffnet mir euer Herz und Gemüt ohn alle Furcht.“