Da hub die Schön Magelona an, zu ihr sprechen: „Ich hab mein Herz und Liebe ganz gesetzet in diesen jungen Ritter, der den vorigen Tag den Preis im Stechen erlanget hat. Ich kann auch oder mag darvor weder essen, trinken noch schlafen. Und so ich erführe, daß er eines hohen guten Herkommens wäre, wollt ich all mein Hoffnung in ihn setzen und ihn zu meinem Gemahel nehmen. Hierum begehr ich seinen Stand und Wesen zu erfahren.“

Als solches die Amme von der Schönen Magelona vernahm, erschrak sie nicht ein wenig, und wußte nicht, was sie antworten solle. Doch saget sie wieder zu ihr: „Mein aller liebste Tochter und Fräulein, was saget ihr? Euch ist wohl bewußt euer hoher Stand; und so der mächtigste Herre dieser Welt euch überkäme, würde er sich nicht klein erfreuen. Ihr setzet euer Herz und Lieb in einen jungen fremden Ritter, der euch an Person und Herkommen unbekannt. Vielleicht begehret er wiederum von euch nichts mehr, dann euer Schmach und Schande, und verließe euch nach mals gar, so er solches zuwegen gebracht hätte. Darum bitt ich euch, mein aller liebste Tochter und Fräulein, ihr wollet solche Gedanken aus euerm Herzen schlagen und nicht mehr gedenken. Wann wo solches euer Herr Vater, der König, erführe, möchte euer Lieb töricht geacht und schädlich werden. Habet ein wenig Geduld! Wann so es GOTT geliebet, möget ihr in Kürz noch wohl ehrlich und reichlich vergeben werden.“

Da dies alles die Schön Magelona von ihrer Ammen verstanden hätt und vermerket, daß sie nicht nach ihrem Gefallen wollt verwilligen, ward sie ganz traurig und betrübt in ihrem Herzen und Gemüt. Wann die Liebe hätt sie also überfallen und umgeben, daß sie ihrer selbst nicht mehr mächtig war. Und saget: „Ach, mein liebste Amme, ist das die Liebe, die du zu mir getragen hast! Willst du, daß ich sterbe also elendiglich, und daß ich ende mein Leben so erbärmlich aus Mangel der Hilf und guten Rats? Ach wehe! die Arzenei ist nicht weit zu suchen, sondern ist sehr nahe bei mir. Ich schicke dich doch nicht also ferne und weit von mir. Doch darfst keine Sorge vor meinem Herrn Vater und Mutter, auch vor mir haben, noch vor niemanden. Und so du tust, was ich dich heißen will, so ist mir geholfen. Wo du mir aber nicht folgest, sollst du mich in kurzer Zeit vor deinen Augen sehen sterben vor Unmut und Schmerzen.“

Da die Schön Magelona solches geredt, fiel sie in einer schweren Ohnmacht auf ihr Bette. Als sie aber wieder zu ihr selber kam, sprach sie: „Wisse, liebste Amme, daß er eines hohen Stammes und Geschlechtes ist. Wann seine Tugend solches anzeiget, auch will er darum seinen Namen nicht anzeigen. Ich glaub aber gänzlich, so du von meinen wegen an ihn würdest begehren seinen Namen und Stand, er werde ihn dir nicht verhalten.“

Als nun die Amme an der Schönen Magelona gesehen die große Lieb, die sie zu dem jungen Ritter trug, tröstet sie die Schöne Magelona und sprach: „Mein aller liebste Tochter und Fräulein, dieweil es euer Begehr und Willen ist, will ich mich also viel befleißen, damit ich von euert wegen mit ihm rede, und solches erfahre, wie ihr mir auf geleget. Seid nur getrost, und bekummert euch nicht mehr!“

Wie die Amme in die Kirchen ging zu dem Ritter, mit ihm aus Befehl der Schönen Magelona zu reden.

Darnach ging die Amme in die Kirchen, den Ritter zu suchen. Und fand ihn alleine beten, und tät auch, als sie bete. Als bald sie das Gebet vollbracht, erbot ihr der Ritter Ehre; wann er kennet sie wohl und hätt sie vormals gesehen bei der Schönen Magelona. Da fing sie zu ihm an und sprach: „Herr Ritter, ich verwunder mich euer nicht ein wenig, daß ihr euern Stand und Wesen also heimlich haltet und verberget. Ich weiß wohl, daß mein Herr, der König, und seiner Gnaden Gemahel, und in Sonderheit die Schön Magelona eine große Freud hätten, zu erfahren, von wann und wer ihr wäret. So ihr dann geneiget wäret, der Schönen Magelona solches zu wissen zu tun, wollt ich's ihr nicht vorhalten. Ich weiß auch, ihr tätet in solchem ihr einen großen Gefallen; wann sie begehret es herzlich zu wissen.“

Als der Ritter die Frauen also höret reden, ward er voller Gedanken, vermeinet er doch gänzlich, solche Reden kämen von der Schönen Magelona. Gab ihr also zur Antwort und saget: „Meine liebste Frau, ich sag euch großen Dank, daß ihr mit mir also freundlich geredt habt. Des gleichen danke ich auch allen, so meinen Namen zu wissen begehren, in Sonderheit meinem gnädigen Fräulein Magelona. Und so es euch geliebet und unbeschwerlich, wollet mich ihr befehlen, und von meinen wegen bitten, sie wölle kein Ungefallen darinne tragen, daß ich mich nicht offenbare. Wann die Weil ich von heimen gewesen, hab ich's keinem Menschen zu erkennen geben. Jedoch, dieweil sie die Kreatur ist auf Erden, der ich das aller Beste gönne in dieser Welt, auch ihr zu dienen und gehorsam zu sein erbötig, möget ihr also zu ihr sagen: nach dem sie also herzlich begehre, zu wissen meinen Namen, solle sie wissen, daß mein Geschlecht groß und hoch geadelt sei. Und bittet sie von meinen wegen freundlich, sie wölle an dem ein gut Begnügen haben. Und euch bitte ich aufs Freundlichst, ihr wollet von meinem kleinen Vermögen etwas nehmen und ihr mit bringen von meinen wegen. Wann ich selber ihr solches nicht darf überantworten. Daran tut ihr mir ein groß Gefallen.“ Gab ihr also der drei Ringe einen, die ihm sein Mutter in seinem Hinziehen mit geben hätt.

Da sie solchen Ring von dem Ritter empfangen hätt, sprach sie zu ihm: „Edeler Ritter, diesen Ring will ich ihr von euert wegen überantworten, auch darneben anzeigen, was wir mit einander geredt haben.“ Also nahmen sie Urlaub von einander und schieden hinweg.