Die Amme ging fröhlich hinweg von dem Ritter, darum, daß sie mit ihm war also zu reden kommen. Und redet zu ihr selber also: „Es mag wohl also sein, als mir die Schön Magelona angezeiget hat, daß er eines großen Geschlechts sein soll; wann er ist aller Zucht und Tugend voll.“ In diesen Gedanken ging sie, bis sie kam zu der Schönen Magelona, welche ihrer Zukunft mit großen Freuden wartet. Da zog sie den Ring herfür und überantwortet ihr den mit Anzeigen, was sie mit einander geredt.
Als die Schön Magelona des Ritters Erbieten hätt verstanden, und sah auch den kostlichen Ring, den ihr der Ritter überschicket hätt, sprach sie zu ihrer Ammen also: „Mein liebste Amme, hab ich dir nicht vormals gesaget, er würde sein eines hohen Geschlechts? Wann mein Herz saget mir's. Auch kannst du wohl gedenken, ob ein solcher kostlicher Ring möge sein eines Armen. Sicherlich, sage ich dir, das wird mein Glücke sein, und kann nicht anders werden. Wann ich will und begehre ihn zu haben und liebe ihn, ich will auch keinen andern lieben noch haben. Wann von Anbeginne, als ich ihn am ersten ersah, ergab sich mein Herze ihm alleine. Ich erkenne auch, daß er mir zu Lieb und Gefallen hieher kommen ist. Dieweil er dann eines hohen Geschlechts ist, ich auch weiß, daß er von meinen wegen hieher kommen ist, und er der schönste Ritter unter allen dieser Welt ist, wäre ich doch unhöflich und eines harten Herzens, wenn ich ihn nicht wiederum lieb hätte. Ich will auch ehe vor Schmerzen sterben, eh ich sein vergesse und ihn verlasse. Derhalb ich dich bitt, mein liebste Amme, du wollest ihm mein Gemüt und Willen zu erkennen geben, und in dem mir treulich raten. Und damit ich meine großen Schmerzen linder mache, bitt ich dich, du wollest mir diesen Ring lassen, wann ich hab große Freude, ihn an zu sehen.“
Als solches die Amme von der Schönen Magelona vermerket, daß sie ihr Herze und Gemüt also bald wollte entdecken, ward sie traurig und sprach zu ihr: „Mein edelstes Fräulein und Tochter, auch aller freundlichstes Herz, ich bitt euch fleißig, ihr wollet solchem Fürsatz in euerm edeln Herzen keinen Fürgang lassen; wann es ja nicht loblich, noch ehrlich wäre, daß ihr, als eine hochgeboren Fürstin, euer Lieb also schnelle einem fremden unbekannten Ritter gebet.“
Da solche Straf die Schön Magelona von ihrer Ammen höret, mochte sie es nicht länger dulden noch verschweigen, sondern sprach zu ihr mit bewegtem Gemüte: „Du sollst ihn hinfür nicht für einen Fremden schelten, wann ich auf Erdreich keinen lieber habe. Es wird mir ihn auch niemand aus meinen Gedanken und Herzen reden. Darum bitte ich dich freundlich, du wollest hinfür dieser Wort geschweigen, als lieb ich dir bin, und meine Gnad.“
Da die Amme das alles vermerket hätt, wollt sie nichts mehr darwider reden. Doch saget sie zu ihr: „Mein liebstes Fräulein, was ich sage, tu ich von euert wegen, und euch zu Ehren. Wann alle Ding, so da unordentlich und schnelle geschehen, kommen nicht zu Ehren denen, die es tun; auch werden sie nicht gepriesen von denen, die es erfahren. Ich lobe es wohl, daß ihr ihn lieb habet, wann er ist es wohl würdig. Doch also, daß solches von euch ehrlich und züchtig geschehe, wie es sich dann gebühret. Und zweifelt gar nicht, ich will euch einen guten Rat geben und getreulich helfen. Wann ich hab eine gute Hoffnung zu GOTT dem Allmächtigen, diesen Dingen werde wohl geraten.“
Als die Schön Magelona solche vernünftige Rede von ihrer Ammen vernommen hätt, ward sie ein wenig gestillet. Und saget ihr doch: „Mein aller liebste Amme, ich will alles tun, was ihr mir raten werdet.“
Die selbe Nacht schlief die Schön Magelona ganz wohl mit ihrem Ring, den sie zum öftern Mal küsset aus großer Lieb; und tät mit herzlichem Seufzen an ihren liebsten Freund, den Ritter, gedenken bis nahe dem Tag. Darunter entschlief sie. Und da sie entschlafen war, da kam ihr für ein solcher Traum: es gedauchet sie, der Ritter und sie wären allein bei einander in einem lustigen Garten. Und sie saget zu ihm: „Ich bitte euch freundlich, von wegen der Liebe, so ihr gegen mir traget, ihr wollet mir sagen, von wannen ihr seid, und wes Geschlechts; wann ich liebe euch vor allen Menschen auf Erden. Darum begehre ich zu erfahren, wer der Ritter wäre, dem ich mein Lieb geben hätte, und von wannen her er wäre.“ Gedauchet sie hernach, der Ritter antwortet ihr: „Edeles Fräulein, es ist noch nicht die Zeit kommen, mich gegen euch zu eröffnen. Darum, ich bitte euch, ihr wollet mich dessen auf dies mal überheben; wann ihr sollt es noch in kurzer Zeit erfahren.“ Und darnach gedauchtet sie, der Ritter gebe ihr einen Ring, der war noch kostlicher dann der erste, den er ihr bei der Ammen geschickt hätte. Und lag also die Schön Magelona schlafend in großem Gefallen bis auf den Morgen des Tags. Und da sie erwachet, saget sie solchen Traum der Ammen, aus welchem Ansagen die Amme vermerket, daß sie all ihr Herze und Gedanken auf den Ritter geworfen hätt. Derhalben sie die Schöne Magelona tröstet auf das Beste, so sie konnte und vermocht.
Wie eines Tags der Ritter die Amme in der Kirchen fand, und er zu ihr ging und saget ihr was heimlich.
Eines Tages tät der Ritter also großen Fleiß, daß er der Schönen Magelona Ammen in der Kirchen fand, wann er wollt heimlich mit ihr reden. Als sie ihn vernahm, ging sie zu ihm, und zeiget an, wie die Schön Magelona ein groß Gefallen hätte an dem Ringe, den er ihr gesandt hätt, und tät ihm freundlich danken. Da antwortet ihr der Ritter und sprach: „Liebe Frau, ich habe euch den Ring geben, nicht der Schönen Magelona. Wann ich weiß wohl, daß eine solche kleine Gabe nicht würdig ist, einer solchen mächtigen Fürstin überschicket zu werden, als die Schön Magelona, mein gnädiges Fräulein, ist. Jedoch alles, mein Leib, Gut und Vermögen, ist ihr. Auch wißt, liebe Frau, daß ihre übertreffliche Schöne mein Herz also gefangen und verwundt hat, daß ich's euch nicht länger verbergen kann. Darum es gar vonnöten ist, euch dieses zu eröffnen als mein Anliegen. Wann so sie mir nicht Gnade erzeiget, so bin ich der unglückseligst Ritter der ganzen Welt. Liebe Frau, ich sage euch in großem Geheim mein Herze und Gemüt; wann ich weiß und erkenne, daß ihr eine große Freundin seid der Schönen Magelona. So es euch nun nicht entgegen wäre, bitt ich freundlich, ihr wollet mein Gemüte ihr anzeigen. Wie wohl ich's um euch nicht verdient habe, bin ich doch willens, solches treulich zu verdienen.“