Der Wanderschuh als Erzieher.

Ohne das Wort »Erziehung« geht es heute nun einmal nicht mehr. Es muß erzogen werden. Die Welt ist voller tatenlustiger Schulmeister, die umhergehen, zu suchen, wen sie erziehen könnten.

Warum läßt man denn die jungen Menschen – und die alten dazu – nicht unmittelbarer, nämlich durch das Leben selbst, erziehen? Es hat es ja noch kein Schulmeister in der Welt weiter gebracht als dazu, daß seine Schüler nach ein oder zwei Jahrzehnten merkten: »Er hat wahrhaftig recht gehabt!« Der Mensch läßt sich schon von Jugend an eines seiner größten Vorrechte nicht beschneiden, das Recht, nur durch höchsteigenen Schaden klug zu werden.

Wenn man aber von diesen Anzüglichkeiten absieht, dann allerdings muß man sagen, daß es kaum eine bessere Schule fürs Leben gibt als die gemeinsamen Wanderungen, die nun alljährlich in immer steigendem Maße von der erwachsenen Jugend aller Bevölkerungsklassen im Sommer wie im Winter unternommen werden. Ich will dabei ganz von den Vereinigungen absehen, die, wie die Pfadfinder und die Freischaren, neben ethisch hochstehenden hauptsächlich militärische Ziele im Auge haben und die – wohl ganz wider Willen – in der Richtung der Entwicklung des Heerwesens zur Miliz wirken.

Das Wandern junger (und älterer) Männer zusammen wirkt schon ohne alle aufdringliche Erziehung in hohem Maße erzieherisch, weil es täglich jeden Teilnehmer vor die Lösung des großen Problems der Gegenwart: »Menschen untereinander« bringt. Und dies in Lagen, die an das Gemeinschaftsempfinden des einzelnen viel höhere Anforderungen stellen, als es bei der gewöhnlichen Art, wie junge Menschen bisher gewöhnlich untereinander waren, der Fall sein konnte, nämlich auf der Bierbank, wo reichlich Alkohol und Tabak das ursprünglich im Menschen lebende Gefühl des Widereinander lähmten, um allerdings später desto unverhüllter zur Geltung zu kommen. Draußen aber in den Bergen oder auf der Heide wird es jedem unter dem Dutzend angehender Staatsbürger täglich mehrere Male zum Bewußtsein gebracht, daß sein Wohlbefinden und seine gute Stimmung in hohem Maße abhängig sind von der Haltung der Wanderkameraden, die ihrerseits wieder bestimmt wird durch die Art, wie er, der einzelne, seine Pflichten erfüllt, und wie er sich auch sonst, rein von der Gemütsseite aus, zum Ganzen stellt. Das Gliedhafte seines Daseins wird dem Wandervogel, dem Gesellen oder wie er heißen mag, zum erstenmal ganz deutlich klar, und zwar weit mehr als in der Schule, wo er leicht ohne große Nachteile ein egoistisch beschränktes Einzeldasein führen konnte. In jedem Augenblick kann an den Wanderer die Entscheidung herantreten, ob er, unter Aufgabe seiner eigenen augenblicklichen Bequemlichkeit, eines Kameraden kleine oder große Not zu der seinen machen will, mag es sich um die Übernahme eines Teils der schweren Traglast des anderen handeln, um ein gutes Wort, wenn des Kameraden Herz ihm etwas Schweres anvertraut, oder um einen Taler, den jener nicht hat.

Phot. W. Riegger.

Gebirgspost.

Aber es ist noch ein anderes. Häufiger als sonst kann es der in Horden ziehende Wanderbursche erfahren, daß das übliche gute Verhältnis auf Gegenseitigkeit: »Wie du mir, so ich dir,« im tiefsten Grunde eine niedrige Stufe des Lebens der Menschen untereinander darstellt. Bereits die häufige örtliche Trennung der Wanderer einer und derselben Schar ist schon Anlaß dazu, daß die Wärme einer empfangenen Freundlichkeit (und wie viele kleine Dienste gibt es da) nicht an den eigentlichen Geber zurückerstattet wird, sondern an einen anderen zufällig anwesenden Kameraden, der ihrer gerade bedürftig ist. So wird beim Wandern das »Revanchieren« (das Wort ist sehr bezeichnend!) einem schwerer gemacht als im Stadtleben. Ein freiwillig und gern hingegebenes Stückchen Herz geht weiter im Kreise herum und wirkt tiefer beim Wandern, als wenn in der Stadt der Herr: »Sehr liebenswürdig!« dem Herrn: »Darf ich Ihnen vielleicht behilflich sein?« die Freundlichkeit postwendend zurückgibt, um ja sofort quitt, d. h. ihm nicht mehr verpflichtet zu sein.

Denn: Man kann nicht wissen!