Wir leben denn doch in einem Zeitalter, wo »Persönlichkeit« und »Gewissensfreiheit« doch schon mehr als Worte und Begriffe sind. Für alle Staatsbürger Deutschlands ist die Zeit, wo der Mensch vom Menschen noch nicht getrennt zu werden brauchte, die Jugendzeit. Die einzige Möglichkeit, wo die erbitternden Gegensätze, die durch die verschiedene Klassenzugehörigkeit und – was fast gleichbedeutend ist – verschiedene politische Gesinnung der Menschen hervorgerufen werden, nicht zum Ausdruck zu kommen brauchen, weil der Mensch im All der Schöpfung seine Wesensgemeinschaft leichter verspürt als in den Straßen der Stadt, wo Herkommen und Sitte und Agitation die Verschiedenheit zu offener Feindschaft ausarten lassen – diese einzige Möglichkeit ist das Wandern draußen in der freien Natur.

Und diese letzte Zuflucht des modernen, über die Dinge nicht mehr herrschenden, sondern von »Bewegungen«, »Konstellationen«, »Konjunkturen« usw. regierten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wird ihm genommen, geraubt in der einzigen Zeit, wo politische Überzeugungen das Gehirn noch nicht erstarren ließen.

Es bedarf nicht vieler Worte mehr, damit man wisse, was ich sagen will.

Es ist das: Man drille nicht die jugendliche Seele auf ein politisches und soziales Dogma ein, auf das sie nicht aus freien Stücken schwört, sondern lasse solchen Knospenfrevel! Auf beiden Seiten! Man lasse den Frieden – dessen auf die Dauer kein Menschenherz entbehren kann – wenigstens unter den Laubdächern der Obstbäume, auf den grünen Matten, unter den hellen Buchenhallen und den dunklen Spitzbogendächern des Tannenwaldes – Frieden sein mit dem ganzen stillen Segen seiner Kraft!

Sonst ist alle Begönnerung des Jugendwanderns – auf beiden Seiten! – nichts anderes als jene von aller Welt so grimmig verachtete Schändung der Mittel durch die Heiligung der Zwecke und ein fluchwürdiger Mißbrauch jenes Teils der Schöpfung, nämlich der Natur, den der Mensch noch nicht entehrt hat durch seine Qual und seinen Haß. Es ist der Anfang von der völligen Austreibung des Menschen aus dem Paradies und der Entweihung der letzten Stätten des Friedens, wenn die Wanderbewegung unter der deutschen Jugend nicht sauber gehalten wird von jeder politischen oder sozialen Tendenz.

Ich habe zum Schluß nur noch die eine Bitte an alle, die er angeht: Man überlege sich diese Sache in der Richtung alles Folgerichtigkeiten, bevor man – lächelt. Denn es ist so leicht und bequem und – für den Augenblick so erfolgreich, das Lächeln.

Phot. R. Hilbert, Rathenow.

Sonntagmorgen.