Aus diesen und manchen anderen Gründen greift mancher Wanderer wieder zu Bleistift und zum Skizzenbuch oder trägt anstatt der Kamera eine Blechschachtel mit Wasserfarben und einen guten Papierblock im Rucksack. Goethe hat sich in seinen späteren Jahren manchmal unmutig darüber geäußert, daß zu seiner Zeit »alles gezeichnet« habe. Aber abgesehen davon, daß der alte Herr eben auch manchmal, wohl vom Vater her, schulmeisterliche, engherzige Anwandlungen hatte, ist es doch jedenfalls noch hundertmal besser, alles zeichnet, denn alles knipst! Denn Zeichnen und Malen ist, mag es noch so unbeholfen ausfallen, kein mit dem leichten Schatten künstlerischer Unehrlichkeit behaftetes Knipsen, sondern – man erschrecke nicht über das neue Wort – ein Ipsen!

»Ego ipse!« Ich selber hab's gemacht! Das kann jeder sagen, der, an einem Rain oder auf einem Baumstamm sitzend, mit der Tücke des Objekts gerungen hat, das sich nur widerwillig den Absichten des Naturfreundes fügt. Aber dieses Bewußtsein ist das geringste. Der Wert des Zeichnens und des Malens liegt vielmehr darin, daß der Wanderer gezwungen wird, einmal das Bild, das er gern mit nach Hause nehmen möchte, intensiv auf sich wirken zu lassen, und zwar nach seinen Helligkeitswerten wie nach den allgemeinen Linien, nach seinen Farbentönen wie nach dem perspektivischen Aufbau. Kurz, er muß den Eindruck in seine Einzelbestandteile zerlegen und dann das erschaute Bild in seinem wesentlichsten Inhalt auf die denkbar einfachste Form in seinem Innern zusammenbringen. Dann erst kann der Vorgang der Wiedergabe beginnen.

So aber lernt man das Schauen und das Schaffen. Selbst wenn das, was er auf das Papier mit Blei oder Farben zaubert, auch ein fauler Zauber ist, so hat er doch ein Stückchen der großen Arbeit geleistet, die jedes wirklichen Menschen Aufgabe bildet: die Wunder der Außenwelt in sich aufzusaugen, sich damit das Herz zu erfüllen, so groß oder klein es ist, und das Aufgenommene als eine neue Schöpfung herauszugestalten, sich selber zur Freude, manchmal auch anderen zur Lehre: nämlich zur Lehre, wie man dahinterkommt hinter die verborgenen Herrlichkeiten und Wunder der Welt.

Und das ist schon etwas.

Hans Thoma, der große Zauberer, der es mehr als fast alle anderen deutschen Maler verstanden hat, aus der Landschaft die Seele zu lösen und auf Leinwand zu bannen, hat vor nicht gar zu langer Zeit aus einem ähnlichen Gesichtspunkt heraus gegen die sonst sicher sehr schönen Künstlerdrucke geredet, die jetzt in den Schulen zum Schmuck und zur Belehrung die Wände zieren. Er haßt das Mechanische darin, das Unlebendige; und er meinte, auch das schlechteste Ölbild eines sehr bescheidenen Malers gäbe den Kindern mehr als ein Druck, weil sie da eine Idee davon bekommen können, wie solch ein Gemälde entsteht. Die Kinder sehen die Pinselstriche, mit denen die Farbe und damit das Bild auf die Leinwand getragen wurde. So kommen sie dahinter. Diejenigen, welche genügend begabt sind, werden auf diese Weise zum Nachmachen angeregt. Bei einem noch so vorzüglichen Steindruck aber ist der technische Werdevorgang viel schwerer zu erkennen.

Das ist ganz zweifellos so. Die Massenreproduktion zerstört den lebendigen Zusammenhang zwischen künstlerischem Erzeugnis und dem Beschauer. Das lehrt uns aber noch etwas anderes, für unseren Fall Wichtigeres. Kleine Skizzen, sei es mit Bleistift oder in Aquarell, enthalten etwas so Persönliches und haben so viel von dem innersten Ringen um Gestaltung in sich aufgesogen, daß sie, mögen sie auch noch so dürftig sein, für den Dilettanten selber viel bessere Schlüssel zur Erweckung vergessener Eindrücke sind als Photographien. Die Engländer, von denen wir noch manches lernen könnten, haben das Aquarellieren und Zeichnen auf Wanderungen schon lange geübt. Und ich war einmal Zeuge davon, wie ein früherer Zögling einer Ruskinschule einigen Bekannten seine nicht übermäßig gut geratenen Aquarellskizzen zeigte. Bei einer jeden von ihnen brach er, obwohl die Bildchen schon alt waren, in eine lebendige und humorvolle Schilderung der ganzen Situation aus, in der das Aquarell entstanden war. Das künstlerisch Unvollkommene rief seinen Erinnerungsschatz wach; und was er nun in Worten hinzufügte, gab uns allen ein noch viel lebendigeres Bild, als es die beste Skizze vermocht hätte. Ist nun aber einer gar so klug, seine unvollkommenen Bemühungen mit Bleistift und Papier für sich zu behalten und nie zu zeigen, so werden sie ihm in stillen einsamen Stunden die schönsten Geschichten aus seinen Wanderfahrten erzählen, noch besser, als alle Tagebücher dies vermöchten.

Ich habe hier nur gegen die Knipser geredet; gegen jene fatalen Wanderkameraden, die nichts ungeknipst lassen können. Dieser Tage fand ich in der Zeitschrift »Der Wanderer« einen ausgezeichneten Ausdruck für Photographenapparat, einen wahren Kernschuß der Sprachreinigung: »Die Strahlenfalle« nennen die Gesellen eines hannöverschen Wanderbundes den Kodak ebenso bezeichnend als witzig! – Wie wär's, wenn man auch von den »Strahlengefallenen« reden würde, womit die Leute gemeint wären, die nicht mehr wissen, daß der Mensch bei der Geburt zwei wundervoll arbeitende »Strahlenfallen« mitbekommen hat, die in der Regel kein Licht mehr ausstrahlen, sobald sie das Einstrahlenlassen verlernt haben.

Hofphot. C. Eberth, Cassel.