Beim dritten Erlebnis, am Untersee, war eine Schar von Primanern einer deutschen Stadt bei einem der dort wohnenden Dichter und Fürsprecher der Wanderbewegung zu Besuch gewesen. Auf der Rückfahrt bei vollbesetztem Boote gingen die Wellen während eines der dort ganz unerwartet rasch einsetzenden Föhnstürme ziemlich hoch. Der Schiffmann mahnte zur Ruhe. Als aber eine Welle den Boden des Bootes bis über die Bretter füllte, womit der Kielraum überdeckt war, legte sich über sein altes Landsknechtgesicht ein seltsamer Zug. Ernst, Angst und ein wenig verhaltene Wut über die »Schwadronöre« stand auf den braunen, harten Zügen geschrieben. Er ruderte grimmig drauflos und sagte zu den Gehilfen am zweiten Ruderpaar ganz leise: »Schuh usziehe!«

Dies verstanden nur wenige. Sie erkannten nicht den Ernst der Lage, weil die beiden Ufer dort nicht mehr als einen Kilometer voneinander entfernt liegen. Eine zweite Sturzwelle kam. Das Boot sank bis an den Rand ein. Da sprang einer der wenigen, die verstanden hatten, warum der Schiffsknecht die Schuhe ausziehen sollte, der »lange Mann«, wie sein Übername bei den Kameraden war, ein junger Hüne, dessen Mut geradeso groß war wie seine Geschicklichkeit in allen Arten von Sport, nur mit der Hose bekleidet in den See und schwamm die hundert Meter bis zum Ufer fast so schnell wie das Boot, das nun, um mehr als hundertfünfzig Pfund erleichtert, aus der größten Gefahr war.

Als alle wohlbehalten auf der Ufermauer des alten Hafens mit dem malerischen Stadttor standen, meinte einer: »Aber so 'n Luxus, langer Mann! Sich in solche Unkosten stürzen! Wir wären ja die paar Meter auch so 'rüber gekommen!« Der alte Schiffer sah zuerst den Sprecher verächtlich und dann den Schwimmer mit einem Blick an, der weder seine Bewunderung noch seine Dankbarkeit verbergen konnte. Er hatte eine Frau und sechs Kinder.

Das waren eben auch – zwei Welten.

Zur Verfügung gestellt vom Verschönerungsverein Altenburg i. S.

Bäuerin aus Sachsen-Altenburg.