Beim Wandern kann man sie alle drei finden. Häufig sind sie nicht.
Es war am Titlis. Kaum eine halbe Stunde vom Trübsee aufwärts, wo der Weg steiler und steiniger ist als sonst, da übertrat sich einer den linken Fuß. Der Führer der Schar – es waren Wandervögel –, ein junger Mediziner, kurz vor dem Examen, stellte Sehnenzerreißung mit starkem Bluterguß fest. Es war ein Tag voll von Glanz und Leuchten. Der blanke Schild des Titlisgletschers winkte verlockend. Da kamen zufällig Berufsführer von oben, die wollten den Verunglückten schon hinunterbringen. Aber einer von der Schar, ein stiller Junge, ließ sich nicht abhalten, den Maroden zu begleiten. Im Trübseehaus massierte er ihn, las ihm vor und wartete, bis der Kranke auf einem Maultier nach Engelberg gebracht werden konnte. Auch da ging er mit. Als die anderen ihn am Tag darauf allein in Engelberg wieder trafen, meinten die meisten: »Na, Franz, so was! Der hätte doch allein seine kaputten Knochen hüten können – 's war einfach ganz wundervoll da oben! So 'ne Dämlichkeit!«
Der Franz sah ganz verlegen drein und antwortete nichts. Was hätte er auch sagen können? Das waren halt – zwei Welten.
In der Hohen Rhön, als es noch zwei Stunden bis zum Rastplatz war, wo abgekocht werden sollte, mußte der »Olympier« – so hieß er im »Pennal« – unbedingt Zigaretten rauchen, um »in Stimmung zu kommen«. Der Koch pumpte ihm die letzten Streichhölzer mit der Warnung, ja nicht alle zu verbrauchen. Denn die ganze Bande war zufälligerweise ohne Feuer. Der »Olympier« kannte solche irdischen Lappalien nicht. Nach einer Stunde (seine Zigaretten gingen ihm alle Augenblicke aus) war kein Streichholz mehr in der Schachtel. Der Küchenmeister mag so eine Ahnung gehabt haben, fragte nach den Streichhölzern und konnte nur noch die betrübende Tatsache feststellen. Was tun? Wolken bedeckten den ganzen Himmel. Mit einem Brennglas war also nichts zu machen, Zunder und Feuerstein waren nicht da. Das ganze Dutzend der Kameraden gähnte nur so vor Hunger. Nach einigen Minuten sah man nichts mehr vom Koch. »Der hat sich wohl dünne gemacht!« meinten manche, die von der Geschichte erfuhren. Aber gegen den »Olympier« wurde die Stimmung geradezu drohend. Aber als man am bekannten Rastplatz ankam, prasselte schon ein großes Feuer, der Koch wartete nur auf das Kochgeschirr und die Erbswürste. Er war in aller Stille im Laufschritt in ein nahegelegenes Dorf gerannt, hatte dort Streichhölzer gekauft und war auf einem geliehenen Rad zurückgefahren. Als der »Kohldampf« sich unter der Gegenwirkung des leckeren Mahles verzogen hatte, bot der Koch dem Olympier freundlich Feuer an zu einer für ihn nun natürlich nötig gewordenen Zigarette.
Ein junger Freund, der mir den Vorfall erzählte, wußte nichts über die augenblickliche Wirkung dieser grenzenlos sanften Zurechtweisung des sehr begabten, aber verwöhnten und etwas sehr leicht angelegten Sünders zu sagen. Er schien das damals nur in der Ordnung zu finden. – Aber von diesem Tage an rauchte er nicht mehr und wurde ein wenigstens so tüchtiger und zuverlässiger Mensch, als es bei seiner Veranlagung möglich war.
Vom Koch aber sagte beim Essen jeder, als er von seinem tollen Trab nach Zündhölzern hörte: »Na, der Bruder, der »Olympier«, hätte mich mal kennen lernen sollen!« Dabei machten sie eine nicht mißzuverstehende Handbewegung, löffelten aber ihre Suppe weiter und fanden das auch ganz in der Ordnung.
Es waren eben – zwei Welten.