Denn zu den Wogen gehört das Wagen. Etwas einsetzen können, das ist der wirklichen Menschen Lust. Das Leben ist umsonst, der Tod ist umsonst, und da ist es doch verständlich, daß wir uns nicht lumpen lassen wollen und auch mit etwas herausrücken. Und was haben wir zu geben. Nichts als das Leben.
Das macht die Wanderfahrten kühner Menschen so wunderbar, daß sie aus der stumpfen Behaglichkeit ausziehen auf gefahrvolle Entdeckungsreisen, deren Ertrag erst durch den ständigen Einsatz ihres Lebens seinen ganzen, großen Wert erhält.
Phot. R. Hilbert, Rathenow.
Heimkehr.
Die Klage über die Leerheit und Öde des Daseins in so vielen Berufen, besonders in Beamtenkreisen, rührt nicht zum mindesten daher, daß das Leben dieser Unzufriedenen geregelt ist wie ein langweilig pendelndes Uhrwerk. Wenn sie einmal aufgezogen sind, dann wissen sie genau, wie der Tag verläuft, wie ihre Karriere sein wird, wann sie befördert und wann sie pensioniert werden, um »in Ruhe« ihre letzten Tage genießen zu können. Das Unerwartete, das Unerhörte, kurz das Abenteuer spielt in ihrem wohlregistrierten Leben keine Rolle mehr. Ihre Existenz ist ein unveränderliches Programm mit festliegenden Nummern. Ihr Dasein ist so sicher eingeschachtelt, daß es nicht wundernehmen kann, wenn die Sehnsucht nach nervenpeitschenden Sensationen und nach einem schrillen Gegenklang zu ihrem inhaltlosen Normaldasein gerade in diesen Kreisen nichts Ungewöhnliches ist. Das Leben unendlich vieler tüchtiger Menschen ist so »ordentlich«, so grauenhaft ordentlich geworden, daß Unordentlichkeiten bis zu starken Exzessen in aller Heimlichkeit als Ausgleich dienen müssen.
Was wäre für diese Armen das Wandern, ja das Wandern?
Die Lust nach Unvorhergesehenem und der Drang nach zeitweiliger Verrückung des normalen Ablaufs der Dinge nimmt in unserer Zeit deshalb so beängstigend ab, weil wir nichts mehr wissen von dem leichten Sinn und dem sonnigen Humor derer, denen das Wandern eine Kunst war und die auch durch des Lebens Gefilde lieber tanzend schritten als keuchend. Da muß ich an meinen alten Onkel Schang denken, der sein Leben lang ein Wagnergesell war und bis über die Siebzig hinaus wandernd Europa durchzog, von Schweden bis nach Italien und von Paris bis in die Türkei. Er rührte, was nicht unwichtig ist, bis zum fünfzigsten Jahr keine geistigen Getränke an und arbeitete überall nur so lange, bis er wieder einige Monate lang ein freies Leben führen konnte. Alle paar Jahre kam er einmal ins Heimatdorf, aber lange hielt er es nicht aus. Seine alten Kameraden fragten ihn zu viel, und er war sein Lebtag nie fürs viele Reden. Als sie ihn aber einmal gar zu zäh ausforschten, warum er wieder in der Welt umherfahren wolle, er, ein so geschickter Krummholz, der zu Hause doch ein schönes Geld verdienen könnte, da hob er den Zeigefinger in die Höhe und hielt einen seiner ganz seltenen kleinen Vorträge: »Schaut,« sagte er, »es gibt halt zweierlei Menschen auf der Erde: wir, die wandern, und ihr, die andern! Ihr seid einfach ein wenig zu kurz gekommen. Euch fehlt halt etwas, wißt ihr was?« Natürlich brachten's die Zuhörer nicht heraus, was er meinte, und der Onkel Schang fuhr fort: »Euch fehlt das große W! Alles Große fängt mit einem W an. Das große W ist das erste, was wir schon von der Geburt an kennen lernen: Das Weh!« Die Bauern lachten, er aber fuhr ganz ernst weiter: »Die Welt fängt mit einem großen W an und der Wald und das Wandern und die Weibervölker und die Wunder, von denen ihr nichts versteht; und die Weisheit, die ihr noch lange nicht mit Löffeln gefressen habt, wenn ihr's auch meint; und die Wahrheit, die ich euch jetzt um die Ohren schlage!« Er machte eine Pause und sagte zuletzt ganz leise: »Und der Wein!« Denn er hatte bei dieser Rede die Fünfzig schon überschritten.
So wird's mit dem Onkel Schang schon gewesen sein wie mit dem Taglöhner, von dem die Ebner-Eschenbach erzählt. Er war ein lustiger Geselle, spielte gern die Laute und wurde im Dorf für einen Taugenichts gehalten. Er starb zu gleicher Zeit wie ein anderer Sohn des Dorfes, der in die Welt gegangen und ein berühmter Schriftsteller und Dichter geworden war. Beide wurden zu gleicher Stunde begraben. Kein Mensch gab dem »Dorflumpen« die letzte Ehre. Da trat eine große, schöne Frau in wallendem Gewand an sein Grab, legte einen Lorbeerzweig auf den Tannensarg und sagte mit einer Stimme, wie sie nur den Göttinnen eigen ist: »Das war ein Dichter!« Dann ging sie hinüber an das Grab des berühmten Mannes, das von einer großen Menschenmenge umstanden war, schritt auf den reichgeschmückten Sarg zu, blickte die Menschenmenge ruhig an und sprach: »Das war ein Taglöhner!«