Nun geht das Wandern an!
(Eichendorff.)
An die jungen Mädchen.
Siehe zunächst unter: »An die jungen Männer«. Sodann noch mit der gebührenden Höflichkeit einiges Besondere:
Über das Wandern der jungen Leute mit Mädchen in Horden oder auch in kleinerer Anzahl läßt sich Allgemeingültiges nur schwer sagen. Das ist immer eine reine Personenfrage. Auch haben, seitdem die Welt steht, alle jungen Menschenkinder verschiedenen Geschlechtes, welche der Mai des Lebens zusammenführte, auch ohne die Ratschläge von Wanderbüchern und sogar ohne das Einverständnis besorgter Mütter und Tanten es verstanden, ihre Wanderungen durch Wald und Feld zu machen, allein in der verständnisinnigen und verschwiegenen Gegenwart von Bäumen und Wiesen, die sich durch den Glanz ihrer jungen reinen Liebe beglückt fühlten. Aber die Frage des Zusammenwanderns als Normalzustand läßt, nachdem wir noch nicht einmal die Koedukation haben, doch auch bei unbefangenen älteren Leuten einige Bedenken aufkommen.
Vor allem haben mir junge Freunde oft gesagt, mit Mädchen sei (abgesehen von den »technischen Schwierigkeiten beim Übernachten«, wie sie das diskret nannten) hordenweise nicht gut wandern. Die Gründe dafür lassen sich auf einen besonders gelungenen Satz eines der jungen Kameraden, der mir frisch und unbefangen seine Meinung sagte, zusammenbringen: »Nämlich, man befindet sich fortwährend auf einem schmalen Grat mit den Mädels. Auf der einen Seite gähnt die Gefahr, daß sie sich durch gänzliche Gleichstellung in ihren Rechten, aber auch in ihren Pflichten mit den Jungens vernachlässigt fühlen, und im Abgrund auf der anderen Seite lauert die größte Wahrscheinlichkeit, daß die Mädels durch das sogenannte ritterliche Benehmen der Jungens verwöhnt werden, und damit die Möglichkeit von Mißhelligkeiten im Quadrat, sei es der Gleichstellung, sei es der Ritterlichkeit, wächst. Und an Krach fehlt's wahrhaftig, wenn wir ganz unter uns sind, auch nicht, so daß es absolut noch mehr sein müßte!«
So der junge Weltweise und Wandervogel, seines Zeichens dazumal Oberprimaner, Sohn einer kinderreichen Familie und überall geliebt als ein »famoser Kerl«. Er war ein »Kenner«, trotz seiner jungen Jahre. Mir persönlich mangeln eigene Erfahrungen in dieser Richtung. Aber ich halte mich immer daran, daß noch jeder tüchtige junge Kerl, dem es später wahrhaftig an Eroberungen nicht fehlte, sich immer gegen das Zusammenwandern von »Mädels und Jungens« aussprach. Nur die verdächtig Frühreifen und die »Schmachter«, die später, wie damals schon, von der Weiblichkeit nicht recht ernst genommen wurden, nur die waren für »moderne Auffassung« und fürs Zusammenwandern.
Zum Schluß nur noch eine kurze Erzählung einer wirklichen Begebenheit für diejenigen Frauen und Jungfrauen, die immer noch das parlanische »Mulier taceat in ecclesia«, das nur in der konzentrierten lateinischen Fassung grob klingt, als eine Kürzung der Frauenrechte auffassen. Ich selber bin für Zulassung der Frau zu allen dem Mann zugänglichen Ständen. Man muß alles probieren. Aber die Entwicklung in den Wandervereinen, wo manchmal auch junge Mädchen offizielle Mitglieder sind, spricht sehr für den Apostel Paulus.
Hatten da in einer süddeutschen Universitätsstadt die Mitglieder eines akademischen Wanderklubs das Empfinden, es sei »zeitgemäß«, den weiblichen Mitgliedern auch Stimmrecht und Redefreiheit zu gewähren. Die Diskussionen über die einfachsten Vereinsangelegenheiten hatten nämlich unter den männlichen Mitgliedern bis weit über die Mitternachtsstunde gedauert. Da hoffte man von der Neuerung eine Besserung. Es wurde statt dessen aber »furchtbar«. Da griff eine kluge alte Frau ein und riet den jungen Leuten, sie sollten die »Mädels« an den Sitzungen teilnehmen lassen, aber ohne Stimm- und Rederecht. Der Erfolg war ein solcher Wetteifer der jungen Männer um kurzes, sachliches und treffendes Sprechen angesichts der Damen, daß alles Geschäftliche in längstens einer Stunde erledigt und besser erledigt war als früher.