Ich will keine zu weitgehenden Schlüsse hieraus ziehen, aber die Tatsache spricht – wie man wohl etwas übertrieben sagt – Bände.
Von Wiesen und Bäumen.
Der umbrische Wandersmann, der vor acht Jahrhunderten mit einigen Gefährten die oberitalienischen Ebenen und Hügelländer durchstreifte, kommt wieder in Mode. Ich habe das gute Zutrauen zu meinen Lesern, daß sie durch die Tagesmode hindurch zu diesem großen liebenswürdigen Manne von Assisi selbst vordringen, zu diesem sonderbaren Heiligen, der nicht nur mit den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft wie mit Kameraden sprach und die Sonne und den Mond als Schwester und Bruder anredete, wenn es ihm gerade darum war, sondern auch in einem innigen Verkehr mit Bäumen und Wiesenblumen stand. Das wird manchem verrückt vorkommen. Es ist es auch, wenn man daraus eine schwüle Gefühlsschwärmerei macht, die häufiger nur ein Surrogat für gesunde, aber unterdrückte Triebe ist. Aber in der Wirklichkeit gibt es dieses Verhältnis zwischen Natur und Mensch, und wenn es nicht der holländische Brillenschleifer und Mathematiker Spinoza gehabt hätte, dann wäre es ihm nicht möglich gewesen, in der Natur Gott zu sehen. Ohne dieses Hindurchblicken durch äußere Hüllen hätte aber auch Hermann Hesse seinen Peter Camenzind in dem gleichnamigen Roman nicht alle Abend nach der großen Kiefer auf dem Hügel sehen lassen können, deren Wohl dem Schwärmer noch mehr als das anderer Bäume am Herzen lag. Zu den gleichen heimlichen Jüngern des Franz von Umbrien gehört auch der junge deutsch-amerikanische Mediziner, der einmal in einer Gesellschaft sagen sollte, wie er über die Religion denke, und darauf die allgemein für dumm gehaltene Antwort gab: »Well, wenn ich spazierengehe und ich möchte eine Blume pflücken, tue es aber nicht, weil ich gut zu ihr fühle und spüre, daß sie auch möchte geliebt sein und Samen bringen, well, das ist my religion!«
Phot. B. Haldy.
Margareten.
Deutsch schwach, aber Religion zweifellos gut.
Und ich kenne noch so einen. In dessen Tagebuch vom vorigen Frühjahr ist zu lesen: Es will wieder Frühling werden, und ich gehe jeden Morgen von meinem Dorf den Weg zu den nächsten Hügeln hinauf. Links und rechts vom Weg auf den Äckern und Wiesen steht alles voll von Obstbäumen, keiner ist wie der andere. Die Kirschbäume gleichen sich noch am meisten. Aber die Birnbäume, das ist ein Baumvolk von Riesen und Zwergen, Krummen und Buckligen, Übermütigen und Melancholikern. Die zwischendrin versteckten kleinen Apfelbäume sind seltsame Käuze. Sie fahren mit ihren eckigen und in allen Richtungen gekrümmten Zweigen in der Luft herum, daß man meint, sie wüßten nicht, wo hinaus vor Leichtsinn und Übermut. Die bescheidensten sind noch die Kirschbäume. Aber auch unter ihnen gibt es manche, die die Kraft ihres Stammes zu früh in dicken Ästen vergeuden, so daß dann nichts Rechtes mehr für die Höhe übrigbleibt, wie das so gern die Art der Birnbäume ist. Überhaupt sieht man den Bäumen im Frühjahr, kurz vor dem Ausschlagen, am besten an, was sie wirklich sind. In den Formen und Linien des kahlen Gezweigs, in dem der Saft schon quillt, kommt ihr ganzes Temperament zum Ausdruck. Viele stehen da in strotzender Kraft, während andere ihr verfehltes Leben im ganzen Aussehen verraten. Manchen sieht man es an, wie sie sich trotz ärmlicher Verhältnisse gewalttätig durchgesetzt haben, und manche stehen auf gutem Boden und im vollen Licht recht ängstlich da und bekümmert, wie Geizhälse, die mitten im Reichtum verhungern wollen. Über die Baumvölker ragt aber ein Kirschbaum empor wie eine junge Königin. Er steht auf einem ganz kleinen Hügel und gefiel mir auf einem Spaziergang durch die selbstbewußte, frohe Art, wie er von dem glatten runden Stamm seine Zweige mit einer gewissen Feierlichkeit nach allen Seiten in die Luft streckte. Kein bißchen Moos war auf seiner Rinde zu sehen, und seine Zweige verästelten sich zu Tausenden dunkler Fingerchen. Etwas wie frohe Erwartung lag über der gesunden Gestalt dieses Baumes, und das grüngestrichene Bänkchen neben seinem Stamm schien ganz stolz darauf zu sein, gerade hier stehen zu dürfen. Als alle anderen Bäume noch kahl wie im Winter waren, war eines schönen Tags der Kirschbaum über und über mit grünen Spitzchen besetzt, und rund um ihn herum waren Hunderte von Maßliebchen aufgegangen. Es war kein Zweifel, er würde der erste sein, der im Lande blühte. Am gleichen Abend zeigte er schon seine ersten weißgrünen Knospen. Eines Morgens stand er im Brautstaat da.
Ich weiß, man wird nun über mich lachen, weil ich glaube, daß der Kirschbaum genau wußte, wie schön er an diesem Morgen war. Aber ich will zu meiner Entschuldigung doch anführen, daß ein großer deutscher Maler vor einer mächtigen Trauerweide, die gar nicht weit von dem Kirschbaum stand, weinen mußte, so ergriff ihn die hoheitsvolle, tragische Gebärde des Baumes. Und wenn man meint, nur Dichter und Maler und derlei überspannte Leute glaubten an solche Dinge, so weiß ich einen berühmten Musiker, der beim unvorsichtigen Abbrechen von Zweigen ein direktes Schmerzgefühl empfand und in solchen Fällen tat, als ob es sich um eine Verwundung eines lebenden Wesens handelte … Nur wenige unter den Tausenden von Sommerfrischlern, die jetzt die Bergheiden und Waldwiesen überschwemmen, haben Respekt vor dem Besitz des Bauern und hausen in dieser Richtung oft wie die Tiere. Aber noch weniger Menschen gibt es, die nicht nur aus Furcht vor dem Gesetz, sondern aus einer heiligen Achtung vor einer jeden Art von Leben heraus, auch wenn es nur Pflanzenleben ist, weder unnötig Blumen am Weg abreißen, noch den Rasen der Wiesen zertreten; einfach, weil sie nicht können.