Es wird heute so viel vom Erleben geredet, ohne daß man sich eine Vorstellung davon macht, was nun wirklich ein Erlebnis ist. Daß man auch eine Wiese erleben kann, das scheint vielleicht nicht ohne weiteres wahrscheinlich. Und doch ist es so. Es ist gleichbedeutend mit dem, was Goethe immer wieder das Schauen nannte.
Ein Wanderer tritt aus einem dunklen Tannenwald in eine breite Lichtung. Da blühen zwischen feinem Berggras die goldenen Sterne der Arnika und recken sich hoch über das niedere Volk der Skabiosen, die, fast demütig vor den Majestäten unter den wilden Bergblumen, ihre hellvioletten Blütenkörbe gerade nur über die Grasspitzen in die Höhe halten. Noch weiter unten im grünen Teppich, fast am Boden, bietet der rote Klee den summenden Bienen und Hummeln verborgene Liebeslager dar. Aber alles das sieht der Wanderer nicht nacheinander, sondern zugleich. Daß die Sonne hinter seinem Rücken steht und die eigentliche Veranlassung dazu ist, daß der rote Klee aus den heimlichen Grasgemächern hervor und die bescheidenen violetten Skabiosen und die stolzen Arnikasterne sich wie grüßend zu ihm wenden, das ist ihm gleichgültig. Das Leben verspürt Leben. Des Wanderers Seele tritt in Fühlung mit dem eigentlichen Sein der Pflanzen und Blumen, und ihm ist auf einmal, als ob er entschwand in eine Region des Daseins, wo es keine Trennung mehr gibt zwischen allem Erschaffenen. Das mag ungefähr der Marschendichter Allmers empfunden haben, als er das wunderbare Lied wie von unsichtbaren Elfen ins Ohr gesagt bekam:
»Ich ruhte still im hohen, grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben;
Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlaß,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.
Und schöne, weiße Wolken ziehn dahin
Durchs tiefe Blau, wie schöne, stille Träume.
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
Und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.«