Frau aus der südl. Lüneburger Heide.
Die paar Monate, die ich da oben zugebracht habe, hätten nicht genügt, um mich in diese wesensverschiedene Welt einzuweihen, wenn nicht mancher Schleier gelüftet und manches Rätsel gelöst worden wäre durch ein Werk, das ich jedem nach wirklichem, tiefem Erfassen jenes herrlichen Landstreifens Verlangendem an der Nordsee nicht dringend genug empfehlen kann, nämlich Professor Dr. Lindes »Niederelbe«. Dort schaffen elementar einfache Linien der Natur, ein wirklich noch urwüchsiges und scheu auf sich selbst zurückgezogenes Volkstum, das in ständig wogenden Wasserschleiern webende Sonnenlicht und nicht zuletzt einen architektonisch hoch entwickelten bäuerlichen Kunstsinn, eine Welt ganz für sich – eine Welt, zu der die Entdeckungen der Worpsweder Maler in der Bremer Heide für die große Öffentlichkeit nur ein winziges Schrittchen bedeutet.
Unter den deutschen Heiden ist die lüneburgische die größte. Die stille Schönheit dieser unfruchtbaren Wüste ist bis jetzt weder von einem Maler noch von einem Dichter auch nur annähernd dem Bewußtsein der Bewohner Süd- und Mitteldeutschlands nahegebracht worden. Die in rosaroter Abendglut brennende Heidewildnis mit dem braunen Uferrand der Torfmoore, die unsagbar große Einsamkeit, die von Horizont zu Horizont geht und höchstens einmal durchschauert wird vom verlorenen Echo der Dampfsirenen großer Weser- oder Elbeschiffe; die einsamen »Ahlen«, die sich aus dem Moor oder aus der Heide wie flache Schildbuckel erheben und mit einem rauchgeschwärzten, strohbedachten Heidehaus gekrönt sind, und die Menschen der Heide, die von dem dürftigen Kornwuchs leben, den die Stückchen urbar gemachtes Land widerwillig hergeben; von alledem haben wir Wanderer des Südens keinen Begriff.
Phot. W. Noelle.
Fahrstraße in der östlichen Lüneburger Heide.
Unser Staunen wächst aber, wenn diese ärmliche Welt, deren machtvolle Schönheit eigentlich nur durch die gekrümmten und gebückten Gestalten der mißtrauisch blinzelnden Heidebauern das Stigma der Armut erhält, versinkt und sich auf einmal auf dem üppigen, feuchten Wiesenboden der Marsch große Herden von schwarzen Rindern weidend langsam vorwärts bewegen; wo überall Zäune und Tore, die oft wahre ländliche Prunkpforten sind, den Grundbesitz der Marschbauern abgrenzen. Die in großzügigen Formen gebundene Marschlandschaft mit ihren gelbbraunen Tönen ist oft in ihren meerabgelegenen Teilen von Enklaven von Mooren und kleinen Bezirken mattschimmernder Heide oder glühenden Feldern von Strandnelken durchsetzt. Und wenn man auf einmal zwischen graugelber Sandwildnis, eiszeitlichem Schottergeröll, buschigen Erikafeldern und aufdringlich fetten Huflattichvegetationen unvermutet den heimeligen Zauber eines mit köstlichem Holzwerk gezierten und von Schutzbäumen gegen den Sturm umstandenen Altländerhauses sieht, dann beginnt das Paradies der Elblande. – Die Fußwanderungen an der Niederelbe sind stählend für den Körper durch die nahe Salzluft des Meeres, sie bereichern die Seele durch den dem großen Schöpfersinn nach genialer Abwechslung entsprechenden Wechsel von endlosen funkelnd gelben Rapsfeldern, braun wuchernden Schilfwirrnissen, die man fast Dschungel nennen kann, und hinter denen der silberblaue, oft von schaumköpfigen Wogen übersäte Elbestrom an den üppig grünen Wolken großer Obstbaumanlagen ruhig und stolz vorbeizieht. Und alle diese Herrlichkeit genießt der Marschbauer oder der Fischer an der Unterelbe weit mehr als unser badischer Bauer den Reiz der Rheinebene. Sonst könnte er nicht von dem dunkeln, vom Sturm mit rollenden Wogen übersäten Strom, der dort schon breit ist wie ein Meerarm, das wunderbare Wort prägen: »Dee Els (Elbe) geiht in Hemdsärmeln.«
Phot. Albert Angelbeck.
Sturm an der »Wasserkante«.