Zur Verfügung gestellt vom Touristenverein Hannover.
Hannöversches Dorfbild.
Sei also immer Herr deiner Zeit und nicht ihr Sklave! Du darfst sie auch dann und wann souverän verschwenden! Denn wenn du z. B. in Verona nichts vom Grab der Julia und nichts von den Reiterstandbildern der Skaligerfürsten und nicht einmal etwas von den Bildern des Paolo von Verona gesehen hast, weil es dich immer wieder nach dem alten Festungshügel jenseits der Etsch zog, wo der Zypressenwald steht und wo du den schönsten Blick auf den farbigen und zugleich kriegerisch drohenden Zauber der Stadt Dietrichs von Berne genießest, so hast du doch mehr von Verona gehabt als alle die Atemlosen, die alles gesehen haben und doch nichts.
Phot. Heinrich Jost.
Deutsches Städtchen.
Der deutsche Wanderer von Durchschnittsbildung besitzt leider noch zu geringes Verständnis für Architektur und kann deshalb die Schönheit der deutschen Stadt nicht bis auf den Grund auskosten und ihr eigentliches Wesen nicht erfassen. Aber das schließt nicht aus, daß er unbefangen und unabsichtlich den Geist, der in dem Gefüge des Ganzen wie in einzelnen Gebäuden unbewußt sinnliche Form angenommen hat, auf sich wirken läßt. Sowohl in der eigenartigen Gesamtheit des Städteaufbaues und in seinem Grundriß wie auch in den alten Köstlichkeiten verschwiegener Gassen, in der einladenden Wohnlichkeit der von einem Garten umschlossenen behaglichen Bürgerhäuser, aus malerischen Winkeln, murmelnden Brunnen, wuchtigen Plätzen und rhythmisch von Bogen zu Bogen sich schwingenden Brücken gewinnt er ein Bild von der inneren Art der Bewohner einer Stadt. Er erlebt die Stadt. Er wird sich im Innersten bewußt, daß Natur allein es nicht tut, sondern daß der schöpferisch gestaltende Menschengeist, aus den Muttertiefen der Natur heraus schaffend und vom Geist aus den Höhen befruchtet, sich über die Natur hinausheben und die Anfänge einer Welt gestalten kann, zu der ja die vollendenden Kulturwirklichkeiten noch fehlen, aber nicht immer zu fehlen brauchen. Und so viel auf diesen Seiten von den Wunden die Rede war, welche die Halbkultur unserer Gegenwart uns schlägt: aus dem Geist der großen deutschen Künstler, die vor Jahrhunderten ihre Sermons in stone gehalten haben und ihre kraftvoll schöne Gedankenwelt Fleisch und Blut in Steingestalt gewinnen ließen, wird der mit den Sinnen einer sublimeren Weltanschauung ausgestattete Wanderer bei gelegentlichem Schlendern durch schöne alte Städte den Glauben an die Zukunft des Volkes sich wiedererringen. Und dieses Heilmittels, des großen Zukunftsglaubens, können wir als Heilung gegen die vielen Bisse und Stiche, deren wir uns von der Amphibienwelt unserer Halbkultur nicht erwehren können, am wenigsten entbehren.
Phot. Ferrars, Freiburg i. Br.
Im Freiburger Münster.