Wenn ich mich bisher fast nur an die Jugend wandte, um sie zum Kampf gegen sportliche Herzverkalkung beim Wandern und exklusive Tendenzen aufzurufen, so gelten diese Worte den vielen älteren Stillen im Lande, die sich von irgendeiner guten Tante weismachen ließen, sie seien zu alt zum Wandern.
Es ist nicht wahr! Ihr seid nicht zu alt! Lernet wieder das Wandern! So würde ganz ohne Lärm und Organisation und Agitation ein Geheimbund der alten Herren, eine Brüderschaft vom geruhigen Wanderschuh entstehen, deren Mitglieder schon durch ihr Dasein beschämend und anfeuernd auf die Jugend wirken könnte. Das gäbe eine Brüderschaft der Unentwegten, ein Fähnlein der Aufrechten, ohne Vereinsbeiträge und ohne Vereinszeichen. Höchstens das eine Zeichen wäre erlaubt, ein gut pochendes Herz, das jung geblieben ist, nicht an Arteriosklerose und ähnliche überflüssige Segnungen unserer Zeit glaubt, sondern an die Jugend, besonders an die eigene. Das sind die Herzen, die ihre Flammen, wenn auch gedämpft durch den gesunden Menschenverstand des Schwabenalters, noch lodern lassen, wenn die anderen von der alten Garde zwar noch nicht gestorben sind, aber sich schon lange ergeben und die Flinte ins Korn geworfen haben.
Und warum?
Weil sie auf den die Lebenskraft gar zu leicht untergrabenden Trick der modernsten aller Zauberinnen, der Technik, hereingefallen sind, den wichtigsten Teil des körperlichen Lebens, die Bewegung, nach und nach an sich zu ziehen und aus den Menschen immer mehr Stückgüter zu machen, die zur Beförderung übernommen werden, sei's auf dem Motorrad und Auto, oder auf der Eisenbahn und im Lenkballon, oder auf dem Ozeandampfer und im Unterseeboot. Besonders die »Elektrische« wirkt im Alltagsleben verheerend und entzieht uns mit einer infernalischen Subtilität Bewegungsbedürfnis und Muskelkraft. Es wird den älteren Semestern lebensgefährlich bequem gemacht. Mit beängstigender Zuvorkommenheit wird alles an uns herangebracht. Das Kino erspart uns bald das Reisen, und wer weiß, bald können wir vielleicht in unseren vier Wänden prima Schwarzwaldluft atmen, die uns Fernluftleitungen zu mäßigen Preisen zuführen wie Wasser, Gas und Elektrizität. Wir werden uns eines schönen Tags überhaupt nicht mehr von der Stelle zu bewegen brauchen, und unser Leben wird sich auf dem Sofa ganz wirkungsvoll und schöpferisch abspielen können, ohne daß wir mit der Wimper zucken.
Das ist groteske Übertreibung, werden viele sagen. Zugegeben! Und doch kann ich es nicht verwehren, daß angesichts solcher Möglichkeitsperspektiven zwei Gestalten vor mein Auge treten: Mein alter Großvater, der noch mit 80 Jahren uns jede Woche einmal in der Stadt besuchte und die vier Stunden her und die vier Stunden heim ins Dorf zu Fuß zurücklegte. Und dann der jetzt auch schon 80jährige leichtfüßige Vater Weißbart, in dessen Familie das allsonntägliche Wandern eine Art Gottesdienst war und dessen Frau und Kindern ich es heute noch danke, daß ich mit meinem erheblichen Talent zum Stubenhocker und Bücherwurm schon in jungen Jahren den Segen kennen lernte
vom Wandern, ja vom Wandern.
Die Natur.
Ein Schlußwort.