Wenn ich nun nicht auch auf der Ostseite Deutschlands den Weg durch Pommern, Sachsen, Schlesien usw. zurück mache, so nur deshalb, weil mir im Laufe der Betrachtungen klar geworden ist, daß das eigentlich ein Buch für sich gäbe. Nur so viel zum Schluß: Aller Chauvinismus ist mir in der Seele zuwider, und das Lied: »Deutschland, Deutschland über alles« ist zwar als politisches Lied verständlich, und ich kenne kein schöneres Ziel, als daß das Lied wahrgemacht würde: daß Deutschland Europas und der Welt Musterstaat würde. Aber die Liebe zur Heimat schließt die Erkenntnis nicht aus, daß die ganze Erde und alle Länder voller Wunder sondersgleichen sind. Nur sollen wir beim A anfangen, und unser A ist Deutschland, das Land, das bei aller Festgründigkeit doch das wandelbarste, das entwicklungsfähigste der europäischen Kulturländer ist. Schon darum ist es des Wanderers Sache, einmal zunächst seine eigenen Gaue zu schauen. Um so klarer wird er die Schönheiten anderer Länder zu würdigen wissen.
Phot. U. Rheinboldt.
Halligwerft.
An die Alten und die Jungen.
In den großen Zeiten des Weltenadvents, in denen wir leben, und in den brausenden Wehen der Pfingsten eines neuen Jahrtausends müssen am Schlusse eines Wanderbuches noch zwei Dinge gesagt werden. Denn es ist nicht gleichgültig, wie der Sauser des nahenden Herbstes ins Stadium kommt – wie sie drüben über dem Rhein sagen – und wie der neue Most sich bis zur Klärung gebärdet. Da kommt es erheblich auf die Schläuche an.
Das eine ist also das: Mag es mit der neuen Religion, von der wir so viel reden hören, kommen wie es wolle, sie wird mit den Kenntnissen der biologischen Wissenschaft und mit unserem bisher entweder allzu verachteten oder zu sehr verhätschelten Körper rechnen müssen. Denn dieses größte aller Wunder der Natur hat da auch sein Wort mitzureden. Wir wissen heute, daß eine sündhafte Verschwendung von Kraft in der Richtung moralischer Anstrengungen gemacht wird und daß der heilige Antonius und viele ähnliche nach größerer sittlicher Reinheit ringende Menschen viel weniger Versuchungen zu erdulden gehabt hätten und daß das Maß vieler Heiligengeschichten auf ein Geringes zurückgedrängt worden wäre, wenn diese Stoiker, Heiligen oder wie sie sich heißen, mehr von dem Zusammenhängen des Seelenlebens mit dem Essen und der Verdauung gekannt hätten. So wie für den wirklichen Kulturmenschen Eile etwas Niedriges bedeutet, so muß Sauberkeit in jedem Sinne eine Nationaltugend werden. Vor allem beim Wandern, wo die Verführung zum Gegenteil so groß ist.
Das ist das eine und gilt für die Alten wie für die Jungen. Das andere ist nur für die Alten.
Seitdem die Welt steht, haben die Menschen jenseits der Fünfziger noch nie den Heroismus gehabt, auf die alte selbstgefällige Einbildung zu verzichten, die Jugend sei schlimmer als zur Zeit, wo sie jung waren. Mit diesem Greisengedanken prahlt schon Salomo, man findet ihn bei Plinius; kurz, es handelt sich hier um eine Gedankenverkalkung, die niemand aufgeben will. Und doch spricht schon allein der Gang der Weltgeschichte dagegen. Aber es braucht noch mehr. Wir älteren Semester sollten es wieder anstreben, die Jungen nicht nur zu schulmeistern, sondern auch von ihnen zu lernen. Schon deswegen, weil wir so selber jünger bleiben, als wenn wir uns in die würdigen Ecken unserer Philisterweisheit zurückziehen. Es ist so töricht, wenn wir keinen Gebrauch machen von der weisen Einrichtung der Natur, die uns die Jungen als Schrittmacher gibt, wenn wir ihnen – denn sie sind mit Recht anspruchsvoll in den vielen Fällen ihrer rührenden Hilflosigkeit – unsere Erfahrungen nicht aufschulmeistern, sondern mit väterlicher Kameradschaftlichkeit mitteilen.