Das brauste einher mit machtvoller Begeisterung, und die Pokale läuteten abermals zusammen. Einer von den Burschen erhob sich an dem Tische, eine prächtige Jünglingsgestalt mit blitzenden blauen Augen, strotzend in der Fülle jugendlicher Kraft.
»Silentium! Bismarck will reden!«
Still ward es in dem Raume, und aller Blicke wendeten sich nach dem Sprecher.
»Kommilitonen! Wir haben in diesen Tagen und erst heute noch auf unserer Wanderung ein prächtiges Stück deutschen Landes gesehen, und das Herz ist uns aufgegangen in der Schönheit des Harzwaldes, in dem die Sage lebt auf der Bergeshöhe, wie im felsigen Talgrund, und wo in einem gesunden Geschlechte alte deutsche Kraft und Einfachheit der Sitten wohnt. Kommilitonen, ihr seid Mecklenburger, ich bin ein Altmärker – ist’s bei uns daheim etwa anders? – Lebt nicht überall derselbe gesunde Sinn, der sich freut in der Schönheit der Natur, und der an der deutschen Scholle hängt, auf welcher unsere Wiege stand? Mag auch ein halb Hundert verschiedenfarbiger Grenzpfähle im deutschen Lande stehen – das Auge sieht sie, das deutsche Herz weiß nichts davon, wenn es die Ehre der ganzen Nation gilt. Die Freiheitskriege haben es bewiesen. Laßt uns nicht schlechter sein als unsere Väter, die bei Leipzig und Waterloo geschlagen haben, und laßt uns immer an das Wort unseres großen Dichters denken: »Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!« Eine Muttersprache reden wir alle, und alle haben wir im Grunde nur ein Vaterland – und das eine, große, deutsche Vaterland, dem wir Blut und Gut weihen, es blühe und gedeihe! Füllt die Gläser: dem Vaterlande!«
Jubelnd schallte der Zuruf, stürmisch klang es zusammen, Otto von Bismarck aber goß den letzten Rest aus seiner Flasche, und mit dem Rufe: »Fort mit allem, was leer und nichtig ist!« schleuderte er die letztere durch das offene Fenster hinaus auf die Straße.
Die fröhlich lärmenden Burschen hörten weder den zornigen Aufschrei, der von draußen hereinschallte, noch das Klirren des Glasgefäßes auf dem Pflaster, immer höher gingen die Wogen der Begeisterung, und immer lauter schallten Becherklang und Studentenweisen hinaus in die schweigende Frühlingsnacht, bis endlich Bismarck erklärte: »Satis, quod sufficit!« und mit einem energischen »Prost Kommilitonen!« sich entfernte. Unter dem Tische erhob sich gleichzeitig eine mächtige englische Dogge, welche zu den Füßen ihres Herrn gelegen hatte, und schritt gravitätisch neben ihm hinaus.
Am nächsten Morgen schaute Otto von Bismarck mit Behagen zu seinem Fenster in der Roten Straße Nr. 299 hinaus. Seine »Bude« war einfach und sah »burschenmäßig« aus. Im Mobiliar war weder ein besonderer Überfluß noch hervorragende Eleganz, denn der Hauswirt, Herr Schumacher, wußte, wie schnell oft die Bewohner wechselten, und wie rasch diese Art eine »gute Stube« abzuwohnen pflegte. Bismarck wünschte es auch nicht besser. Über dem alten Sofa hatte er eine Anzahl auf Pappe gezogener Schattenrisse seiner Freunde gehängt, an der einen Wand prangte eine stattliche Pfeifensammlung, welche den Neid manches Kommilitonen schon herausgefordert hatte, und vor dem Sofa lag lang ausgestreckt die gewaltige Dogge und blinzelte schläfrig nach ihrem Herrn, der, wie erwähnt, im offenen Fenster lehnte, angetan mit einem bunten Schlafrock, und die lange Pfeife, welche weit hinaushing, im Munde.
Es war ein prächtiger Frühlingstag, und dem jungen Studenten war ganz wohlig zumute. Da unten schritten die ehrsamen Bürger hin, rasch hinhuschende Mädchen, geschäftige Arbeiter und sorglose Studenten, entweder ganz kommentmäßig in Flaus und Kanonen, mit dem Cerevis, oder im Schlafrock und Morgenschuhen, den Ziegenhainer in der Faust und die dampfende Pfeife im Munde. O, es war auch in Göttingen schön, und an der »Königlich Großbrittanisch-Hannoverschen Georgia Augusta« ließ sich’s leben!
Er hatte anfangs für Heidelberg geschwärmt, aber die besorgte Mama fürchtete den burschikosen Geist, der dort walten sollte, und nachdem in einem Familienrate ein Verwandter des Hauses, der geheime Finanzrat Kerl, Göttingen als eine Hochschule der vornehmen Welt empfohlen und Briefe an die Professoren Hugo und Hausmann mitzugeben versprochen hatte, war die Sache entschieden.
Nein, in Göttingen war es gar nicht so übel! Eben als der junge Student sich in diesen behaglichen Gedanken versenkte, pochte es an der Tür.