Wachsender Unmut

Es war im Dezember 1779. Die Schneeflocken tanzten um die Karlsschule, der Garten lag unter einer weißen Decke, und Schiller stand an einem Fenster seines Schlafsaals und blickte zerstreut hinaus. Wunderliche Gedanken gingen ihm durch die Seele und freundliche Hoffnungen. Er hatte seine Studien eigentlich absolviert, hatte die vorschriftsmäßige schriftliche Arbeit abgegeben und harrte nun mit Spannung auf das Ergebnis. Die Entscheidung lag in der Hand des Herzogs; er hoffte aber auf dessen Gewogenheit und sah sich darum im Geiste schon außerhalb dieser Mauern, die ihn jahrelang umschlossen und ihm die freie Bewegung der Seele eingeengt hatten. Da draußen lag eine Welt, die er so gut wie gar nicht kannte, und die er, weil sie ihm fremd war, sich mit den leuchtendsten Farben ausmalte. Wie wollte er das Dasein genießen, wie wollte er leben, schaffen, nach Berühmtheit streben und der Welt zum Dank für ihre Gaben auch sein Bestes, das herrlichste Teil seines Geistes geben.

Ein Diener trat ein und rief ihn zu dem Intendanten. Mit hochklopfendem Herzen folgte Schiller, und mit gerötetem Angesicht trat er bei Herrn von Seeger ein. Der empfing ihn ungewöhnlich freundlich und sprach: »Mein lieber Freund, ich möchte Ihnen gern eine angenehme Mitteilung machen. Sie wissen, daß wir alle Sie schätzen Ihres Ingeniums wegen, und daß auch Serenissimus es wohlmeint mit Ihnen. Wir haben allzusammen Ihre Abhandlung mit großem Interesse gelesen und uns über den Geist derselben und den Schwung des Ausdrucks gefreut. Seine Durchlaucht aber kann sich doch nicht entschließen, dieselbe in Druck legen zu lassen, soviel Anerkennung auch Höchstderselbe dafür hat. Hören Sie, was er schreibt: Die Disputation von dem Eleven Schiller soll nicht gedruckt werden, obschon ich gestehen muß, daß der junge Mensch viel Schönes darin gesagt – und besonders viel Feuer gezeigt hat. Eben deswegen aber und weilen solches wirklich noch zu stark ist, denke ich, kann sie noch nicht öffentlich an die Welt ausgegeben werden. Dahero glaube ich, wird es auch noch recht gut vor ihm sein, wenn er noch ein Jahr in der Akademie bleibt, wo inmittelst sein Feuer noch ein wenig gedämpft werden kann, so daß er alsdann einmal, wenn er fleißig zu sein fortfährt, gewiß ein recht großes Subjektum werden kann.«

Der Intendant ließ das Schreiben, das er in der Hand hielt, sinken und sah Schiller wohlwollend an; dieser aber stand bleich da, und seine Lippen stießen das Wort hervor: »So ist es ein Vergehen, eine eigene Meinung haben, und einen eigenen Geistesweg gehen zu wollen? Dann ist diese ganze Anstalt – –«

»Halt – nicht weiter! Ich darf solches nicht hören. Werden Sie ruhig, und Sie werden auch darin das väterliche Wohlwollen Serenissimi erkennen!«