»Väterliches Wohlwollen, wenn ich gezüchtigt werde ohne Schuld – –«
»Keine Insubordination!« sagte der Intendant jetzt strenge, und Schiller biß sich auf die Lippen, indes jener fortfuhr: »Ein Jahr ist keine lange Frist! Lassen Sie Ihren Geist ruhiger werden und reifen, – Sie beweisen durch diese Hitze, daß Ihnen vor allem Selbstbeherrschung fehlt. Gehen Sie mit Gott und halten Sie brav aus!«
Schiller ging; aber in seiner Seele lebte eine Welt von Unmut, er hätte in diesem Augenblick die Erde aus ihren Angeln heben und zertrümmern mögen, und lebhafter dachte er in dieser Stunde seines Helden Karl Moor, dem er die Entrüstung seiner Seele über das nach seiner Meinung ihm zugefügte Unrecht in den Mund legen wollte. Die Welt sollte es dereinst hören, und dem Herzog sollten darüber die Ohren klingen.
Er ging nach dem Garten, wo er Hoven sein Leid klagte und die Freunde aufforderte, sich am Abend wieder im Krankensaale einzufinden, wo er indes eine neue Szene fertigzuschreiben gedachte. Er meldete sich sofort unwohl und motivierte das auch unverhohlen mit der Kränkung, die ihm widerfahren war, und in der Einsamkeit des Schlafsaals ließ er die ganze heiße Erregung ausstürmen in sein Werk, und dabei ward ihm wohler.
Als am Abend verstohlen sich die »Bande« zusammenfand, ging ein Schauer durch aller Seelen, als Schiller das Selbstgespräch Karl Moors verlas, das er in der Nacht nahe bei dem alten Turm, in welchem, ihm noch unbewußt, sein Vater schmachtete, hielt, und der junge Dichter hatte wohl niemals mit solcher Erregung gelesen: »Wer mir Bürge wäre? – – es ist alles so finster – verworrene Labyrinthe – kein Ausweg – kein leitendes Gestirn – wenn's aus wäre mit diesem letzten Odemzug – aus, wie ein schales Marionettenspiel – aber wofür der heiße Hunger nach Glückseligkeit? – wofür das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit – das Hinausschieben unvollendeter Pläne? – Wenn der armselige Druck dieses armseligen Dinges (die Pistole vors Gesicht haltend) den Weisen dem Toren – den Feigen dem Tapferen – den Edeln dem Schelmen gleich macht? – Es ist eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünftigen sein? – Nein, nein! es ist etwas mehr; denn ich bin noch nicht glücklich gewesen. – –
(Er setzt die Pistole an) Zeit und Ewigkeit – gekettet aneinander durch ein einzig Moment! – Grauser Schlüssel, der das Gefängnis des Lebens hinter mir schließt und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht – sage mir – o sage mir – wohin – wohin wirst du mich führen? Fremdes, nie umsegeltes Land! – Siehe, die Menschheit erschlafft unter diesem Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt nach, und die Phantasie, der mutwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor. – Nein, nein! Ein Mann muß nicht straucheln …«
Und weiter, immer weiter ging es im prächtigen dithyrambischen Flusse, bis der Vorleser sprach: »Soll ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? – Nein, ich will's dulden. (Er wirft die Pistole weg.) Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden. (Es wird immer finsterer.)«
Heftiger sang der Sturmwind draußen um die Fenster, und sein Heulen vermehrte die Schauer der Empfindung. Plötzlich flog ein Fensterflügel auf, die Lampe verlöschte nach einem hastigen Aufflackern, erschrocken sprangen alle auf, doch Schiller sagte ruhig: »Es ist nichts – geht jetzt – ich muß allein sein!«
Keiner erwiderte ein Wort, schweigend schlichen sich alle davon; Schiller aber trat an das Fenster und ließ einen Augenblick den kalten Wind über seine Stirn streichen, dann schloß er den Flügel, und ohne noch einmal das Licht zu entzünden, verbarg er sein Manuskript und legte sich zu Bette, indes er noch einigemal halblaut sagte: »Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden!«