Einige Tage später fand das Stiftungsfest der Akademie statt, welches alljährlich in besonders feierlicher Weise begangen wurde, und mit welchem auch eine Preisverteilung an die Schüler verbunden war. Am Morgen war in der Akademiekirche Festgottesdienst, welchem die Eleven in Paradeuniform beiwohnten, und nachmittags fanden sie sich in dem großen Rangiersaal ein, wohl geordnet, und mancher mit erwartungsvoll klopfendem Herzen.
Durch die großen Fenster fiel freundlicher Sonnenschein und blitzte auf dem blanken Metall der Uniformen und auf den Orden, welche auf einer langen Tafel lagen. Das waren zumeist silberne Medaillen mit dem Bilde des Herzogs, welche als Preise verteilt wurden. Wer acht solcher Preise in einem Jahre erhalten hatte, bekam ein goldenes, braun emailliertes Kreuz, das als besondere Auszeichnung auch am Halse hängend getragen werden durfte.
Trotzdem der Saal beinahe gefüllt war, herrschte ein tiefes Schweigen, und auch das auf den Galerien anwesende Publikum verhielt sich still. Von dort herab sah manches Vaterauge besorgt und doch mit Wohlgefallen nieder auf einen oder den anderen der schmucken Burschen. Dort befand sich auch der Vater Schillers, der damals Inspektor der Gärten auf dem herzoglichen Lustschlosse Solitüde war, in seiner Uniform als württembergischer Hauptmann und schaute mit gutmütigem Ernste in dem würdigen Gesicht herunter in den Saal, in welchen eben jetzt der Herzog mit zahlreichem und glänzendem Gefolge eintrat.
Karl Eugen trug die Uniform der akademischen Offiziere und ging hochaufgerichtet einher. Zu seinen beiden Seiten schritten zwei Fremde; aber den Zöglingen war es wohl bekannt, wer sie waren: Der zur Rechten mit dem etwas vollen Gesicht, der kräftig vorspringenden Nase und den großen lebhaften Augen war der Herzog Karl August von Weimar, der andere aber war dessen Freund Wolfgang Goethe, der schon in seinen jungen Jahren mit seinen ersten Werken, dem »Götz von Berlichingen« und den »Leiden des jungen Werther«, hohen Ruhm sich erworben hatte. Sie kamen von einer Schweizerreise, die sie mitten im Winter in etwas abenteuerlicher Weise gemacht hatten. Goethe war eine prächtige Erscheinung, das Musterbild eines schönen Mannes mit wunderbar klaren, geistvollen Augen, und wie er die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, so vermochte besonders Schiller seine Blicke nicht von ihm zu wenden. Freilich flüsterte keine Ahnungsstimme ihm zu, daß dieser herrliche Mann berufen war, dereinst sein bester Freund und er selbst der Genosse seines Ruhmes zu werden.
In dieser Stunde überkam ihn beinahe ein Gefühl des Neides. Dieser nur zehn Jahre ältere Mann war vom Schicksal wie auf Rosenwegen geführt worden, hatte eine glückliche, heitere Jugend hinter sich, hatte in jungen Jahren den Ruhm und das Glück an seine Spuren geheftet, hatte eine angesehene Stellung, war der Freund eines trefflichen Fürsten, indes er selbst sogar in seinem bescheidenen Hoffen, die Karlsschule verlassen zu können, sich schmerzlich getäuscht sah.
Eine Bitterkeit zog durch seine Seele; aber er konnte doch die Augen nicht abwenden von dem herrlichen Manne, der dort neben dem Herzog stand und so frei und sicher und selbstbewußt in die Welt schaute. Er hörte nicht die Worte des Professors Consbruch, welcher, wie es Brauch war, die Festrede zu Ehren des Stifters der Schule hielt; sie rauschten wie ein leerer Schall an seinem Ohre vorüber; aber seine Wangen brannten, und seine Augen glühten.
Nun trat der Sekretär vor und verlas die Namen der Zöglinge, welche Preise erhalten sollten, und viermal klang der Name Schiller durch den Saal, so daß auch Goethe aufmerksam wurde auf den schmächtig emporgeschossenen Eleven mit dem rötlichen Haar, der scharfgeschwungenen Nase und den Adlerblicken, der, wie es üblich war, die ihm zugeteilten Preise aus der Hand des Herzogs empfing und nach dem gewohnten Brauche dafür dankbar dessen Rock küßte.
Die Augen des wackern Hauptmanns auf der Galerie glänzten in freudigem Stolze; aber noch ein anderes Augenpaar folgte wiederholt der Gestalt Schillers. Das gehörte einem jungen Manne mit frischem Gesicht und krausen Haaren um die hohe weiße Stirn. Derselbe schien hauptsächlich hierher gekommen zu sein, um der musikalischen Aufführung zu folgen, welche sich an die Preisverteilung anschloß, denn sobald diese begann, stand er meist unbeweglich wie ein Steinbild, oder er wiegte bei Stellen, die ihm besonders gefielen, wohl auch den Kopf wie in leisem Takte oder bewegte die Finger, als habe er selbst bei der Sache mitzuwirken.
Als die Festlichkeit zu Ende war, eilte der Vater Schillers hinab, um seinen Sohn zu beglückwünschen; aber er fand ihn nicht freundlich, sondern eigentümlich erregt und trübe. Der Hauptmann suchte ihn zu beruhigen; aber es wollte wenig helfen, und der brave Mann begleitete ihn nach dem Speisesaale, wo das Festmahl stattfand, an dem auch die Väter der Eleven teilnahmen. Der Herzog mit seinen Gästen speiste in dem »Tempel«, denn er mochte an diesem Tage nicht von seinen »Söhnen« sich trennen.