Dieser sah heute in die Welt wie ein ganz anderer. Nur noch wenige Stunden, und er atmete die Luft der Freiheit. Als hätte er bereits eine Vorahnung davon, so gehoben trug er sein Haupt, und die Augen schienen in eine schöne Zukunft zu schauen.
Der Herzog kam mit seinem glänzenden Gefolge; die übliche Rede auf denselben wurde gesprochen, die Preise wurden verteilt, und auch diesmal ging Schiller nicht leer aus; dann aber trat derselbe vor, um seine Abgangsworte zu sprechen. Er begann mit einem Lobe und Danke für seinen fürstlichen Gönner, und seine Stimme klang ruhig und maßvoll; allmählich aber schwoll sie an zu jenem hohen, fast kreischenden Tone, der nicht gerade angenehm wirkte; aber die Hörer vergaßen das bei der Wucht der Gedanken, die an ihnen vorüberging, und bei dem gewaltigen, packenden Pathos des Ausdrucks. Von der Menschenwürde und der wahren sittlichen Freiheit sprach er, und man meinte weniger den angehenden Arzt als den Philosophen zu hören, und wie glänzende Brillanten fügten sich seiner Rede Stellen aus seinen Lieblingsdichtern Shakespeare, Klopstock, Gerstenberg u. a. ein. Da nannte er mit einem Male einen bis dahin unbekannten Namen, einen englischen Schriftsteller, Krake, und angeblich aus einer Tragödie desselben: »Life of Moor« (»Moors Leben«) begann er zu zitieren. Die Unfreiheit, der geistige Zwang erzieht Heuchler, das war es, was er eben noch behauptet, und nun brach mit einem seltsamen Pathos das Zitat von seinen Lippen: »O über euch Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! Ihr scheut euch nicht, vor Kreuz und Altären zu knieen, zerfleischt eure Rücken mit Riemen und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr wähnt mit diesen erbärmlichen Gaukeleien demjenigen einen blauen Dunst vorzumachen, den ihr Toren doch den Allwissenden nennt, nicht anders, als wie man der Großen am bittersten spottet, wenn man ihnen schmeichelt, daß sie Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit und exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut, würde wider den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der das Ungeheuer am Nilus (das Krokodil als Sinnbild der Heuchelei) erschaffen hat.«
Das brauste einher mit einem wilden, zornigen Ungestüm, daß mancher Hörer den Atem anhielt. Die Mitglieder der »Bande« aber warfen sich verstohlene Blicke zu, denn sie wußten, woher dies Zitat stammte, und Hoven drückte heimlich dem neben ihm stehenden Petersen warm die Hand. Auch der Herzog hatte sich straffer zurückgelehnt in seinen Sitz und sah mit großen, fragenden Augen nach dem kühnen Sprecher. Dieser aber fuhr in seiner Rede fort, und abermals klangen die Worte Krakes erregt, leidenschaftlich warm dazwischen: »Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen, – belecken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. – Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt und berechnen ihren Judenzins am Altare, – fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können, – wenden kein Auge von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisiert ist. – Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht …«
Und wieder suchten sich die Blicke der Eingeweihten, und des Herzogs Augen hingen unverwandt am Munde Schillers, der nun zum Schlusse seiner Rede kam und endlich wieder mit den Worten Krakes schloß: »Mein Geist dürstet nach Taten, – mein Atem nach Freiheit!«
Als er verstummte, ging eine unverkennbare Erregung durch alle Zuhörer, Karl Eugen erhob sich mit einer gewissen Hast, winkte den Redner heran und sagte, während Schiller die Blicke nicht senkte: »Höre Er, dieser Krake ist ein Revolutionär, und seine Gesinnungen gefallen mir nicht in allen Punkten; in manchen mag er recht haben, lieb wär' mir's aber, wenn Er ihn nicht zu seinem Propheten machte. Im übrigen hatte seine Rede Inhalt und Feuer, und ich habe lange hier nichts Ähnliches gehört.«
Schiller neigte sich mit errötetem Gesicht und trat zurück; die Feier war zu Ende. An ihn drängten sich jetzt die Freunde heran, und jeder wollte ihm die Hand drücken. Heideloff aber sagte: »Den Roten hast du glänzend gewonnen, du brauchst nur zu sagen, wann er getrunken werden soll!«
Petersen jedoch rieb sich die Hände und sagte zu Hoven: »So ist die hohe Karlsschule noch niemals geleimt worden! Hätt's nicht gedacht, daß Schillers Tragödie hier noch so laut an die Wände und selbst an die Ohren Serenissimi schreien sollte. Er ist doch ein großer Mensch!«
Auch Streicher arbeitete sich durch die umdrängenden Freunde Schillers. Er umarmte ihn, und auch dieser, bewegt durch die Teilnahme des jungen Musikers, drückte ihn wärmer an sich.
»Sagen Sie, Schiller, wer ist dieser Krake? Wo kann man seine Tragödie lesen? – Das ist groß, das ist einzig, und wie Sie das gesprochen haben … ach, was bin ich, daß Sie mich Ihren Freund nennen?«