In der Karlsschule

Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts lag außerhalb Stuttgart hinter dem Residenzschlosse des Herzogs Karl Eugen von Württemberg ein großes, kasernenähnliches Gebäude mit drei Flügeln, aus dessen Mitte eine Kirche herausragte mit einem niedrigen, bleigedeckten Turme. Ein ansehnlicher Garten gab dem etwas schwerfälligen Ganzen ein freundlicheres Gepräge, während die vorhandenen Reitschulen, Schwimmbassins und Ähnliches auf seinen Zweck einigermaßen hindeuteten. Das war die hohe Karlsschule, eine von dem Herzog zunächst auf dem Lustschlosse Solitüde bei Ludwigsburg gestiftete Erziehungsanstalt, die seit 1775 sich in Stuttgart befand und ihren Zöglingen die Ausbildung für verschiedene gelehrte Berufe gab. Sie hatte in der Hauptsache einen militärischen Charakter, und wie ihre Schüler in eine bestimmte Uniform gesteckt waren, so war auch die ganze innere Einrichtung und Verfassung nach soldatischem Zuschnitt gemacht. Dem Herzog Karl Eugen aber war die Anstalt und ihre Zöglinge ganz besonders ans Herz gewachsen, so daß er sich um die kleinsten Interessen derselben bekümmerte.

Es war ein freundlicher Sommertag. Die Mittagsmahlzeit, welche gemeinsam eingenommen wurde, war vorüber; die Schüler eilten nach dem Schlafsaal, um dort die blaue Uniform mit den Kragen und Ärmelaufschlägen von schwarzem Plüsch und die weißen Beinkleider mit einem einfacheren Hausanzuge zu vertauschen und sich dann in den Garten zu begeben. Hier entwickelte sich ein buntes Leben und Treiben. Einzelne von den Jüngeren zumal beschäftigten sich mit Ballspiel oder übten ihre Kraft im Ringen, andere arbeiteten an dem Stückchen Gartenland, das einem jeden von ihnen zur Bestellung zugewiesen war, wieder andere spazierten unter den schattigen Bäumen im Gespräche hin, oder hatten sich an einem versteckteren Plätzchen zusammengefunden.

In einer lauschigen Ecke auf einer Steinbank saßen drei beisammen, prächtige Burschen mit frischen Gesichtern und blitzenden Augen, die sich ziemlich lebhaft unterhielten. Der eine sprach zu dem zweiten gewendet: »Und ich sage dir, Hoven, der Haug wäre ein prächtiger Kerl für uns und paßt wie nur irgendeiner in die Bande. Er hat eine scharfe Zunge und guten Witz, Ingenium und Phantasie –«

»Ich danke, lieber Scharffenstein,« sagte der dritte; »aber zum Henker, dann tut doch nicht so geheim und sagt mir, was es ist mit der Bande! Es handelt sich doch um keine Räuber.«

Die zwei anderen wechselten einen raschen Blick des Einverständnisses, dann sagte Hoven: »Wie man's nimmt, und Courage gehört zur Sache.«

»Soviel ihr habt, habe ich auch, Kinder,« sprach Haug; – »also frisch heraus! Daß ich ehrlich bin und mich nicht an euch dränge, um zu spionieren, sondern weil ich euch für Kerls halte, die ihre Freude haben an allem Schönen und Guten, auch wenn's nicht im Treibhause der Karlsschule gewachsen ist, wißt ihr! Daß ihr Verse macht, ist mir kein Geheimnis, ich selber mache solche auch mitunter, und wenn das eure ganze Sünde ist – so hol' mich der heilige Nieß, wenn ich nicht zu euch passe!«

»Ehe wir mit Schiller gesprochen haben, geht's nicht,« sagte wieder Scharffenstein.