»Der ist wohl der Hauptmann?« fragte Haug, und die beiden anderen schwiegen wieder einige Augenblicke, ehe Hoven erwiderte: »Wenn man's so auffassen will. Jedenfalls ist er größer als wir alle, und wenn er erst die Flügel frei bewegen könnte, er stiege auf wie ein junger Adler.«

»Hm – ich weiß, habe ich doch sein Gedicht ›Der Eroberer‹ im ›Schwäbischen Magazin‹ gelesen, und es hat mich in der Seele gepackt und zusammengeschüttelt, und dann hab' ich ihn hier gesucht; aber er ist zugeknöpft wie ein alter Wachtkorporal!«

»Wie, zum Henker, weißt du denn, daß das Gedicht von ihm ist? Sein Name war doch nicht genannt?«

»Hm, von meinem Vater, der das genau weiß, weil er das Poem selber rezensiert und von dem ihm bekannten Verfasser gesagt hat, daß er mit der Zeit seinen Platz neben den Größten einnehmen und seinem Vaterlande Ehre machen dürfte.«

»Hast also ein Herz für Friedrich Schiller?« fragte Hoven erregt.

»Und ob ich das habe! – Darum möchte ich brühwarm seine Geistesschöpfungen genießen, ehe sie abgestanden sind in einem Journal, und möcht' es von ihm selber hören, wie er seine Feuerseele ergießt in dithyrambischem Schwunge. Und sagt, ist's wahr, was man munkelt, daß er jetzt ein großes Spektakelstück schreibe, wozu ihm der arme Schubart, der auf dem Asperg gefangen sitzt, den Stoff gegeben haben soll?«

Wiederum sahen sich die beiden anderen seltsam an, dann sprach Scharffenstein zu Hoven gewendet: »Ich meine, wir können's mit ihm wagen!« Und als dieser nickte, fuhr er fort: »Das mit dem Spektakelstück hat seine Richtigkeit, und ob er's von Schubart hat, muß dein Vater am besten wissen; denn er schreibt ja das ›Schwäbische Magazin‹. Darin war im Jahre 1775 eine Geschichte, die ihm zuerst den Stoff gegeben hat, und die von Schubart stammen soll.«

»Was ist's für eine Geschichte?«

Hoven erzählte: »Eine Begebenheit von einem Edelmann, der zwei Söhne hat; der eine, Wilhelm, tat sehr fromm und gut und gehorsam und still, der andere, Karl, war feurig, lustig, unternehmend und zu tollen Streichen geneigt; aber er war ehrlich, während sein Bruder falsch war. So waren sie auch beide noch auf der Universität, und Karl, der etwas leichtsinnig Schulden machte und außerdem eines Duells wegen fliehen mußte, verlor die Gunst seines Vaters, floh in die Welt hinaus, wurde Soldat und wendete sich endlich reuig wieder an seinen Vater und flehte ihn um seine Verzeihung an. Den Brief aber unterschlug die Kanaille von einem Bruder, der Karl um sein Erbe bringen wollte, und dieser sah sich gezwungen, um sein Leben zu fristen, Knecht bei einem Bauern zu werden, nicht weit von seinem Vaterhause. Wilhelm aber strebt nach seines Vaters Besitz, und da ihm dieser zu lange lebt, dingt er Meuchelmörder, die ihn im Walde überfallen und töten sollen. Aber Karl, der herbeieilt, rettet ihn, und einer der Schandgesellen gesteht nun den ganzen scheußlichen Anschlag. Der Vater ist entsetzt über den verruchten heuchlerischen Sohn und klagt, daß er nun keinen Sohn mehr habe. Da stürzt sich Karl ihm zu Füßen und gibt sich ihm zu erkennen, und der glückliche Alte umarmt ihn unter Thränen, indes er seinen anderen Sohn der Strafe überliefern will; aber Karl bittet für diesen und sorgt für seinen weiteren Unterhalt. – Das ist die Geschichte.«

»Ja, aber was macht Schiller daraus!« rief enthusiastisch Scharffenstein, doch Hoven winkte bedeutsam und rief zugleich: »Da kommt er selbst!«