Der Frühling kam. In den ersten Maitagen 1781 war es, als in Schillers Zimmer, das im Erdgeschoß eines Hauses auf dem Langen Graben lag, sich eine fröhliche Gesellschaft zusammengefunden hatte. Der Raum war weder besonders freundlich noch das, was man behaglich nennt; es war eine etwas verlotterte Junggesellenwirtschaft. An der Wand hing neben einigen alten Bildern ein Teil der Garderobe des Regimentsmedikus, frisch angestrichene Beinkleider und schäbige Röcke; die Einrichtung bestand in der Hauptsache aus einem großen, roh angestrichenen Tische und zwei Bänken. In einer Ecke lag ein Haufe Kartoffeln und verbreitete einen etwas muffigen Geruch, der sich unangenehm mit versessenem Tabaksqualm mischte; in einer anderen Ecke standen Weinflaschen, Gläser, Teller mit Speiseresten, ein seltsames, aber keineswegs anmutiges Stillleben, und in einer dritten lagen heute große Ballen aufgestapelt, deren einer geöffnet war und zeigte, daß der Inhalt aus Büchern bestand.

Die Gesellschaft aber, welche um den langen Tisch saß, war außerordentlich vergnügt. Man trank »den Roten«, welchen Heideloff bei seiner Wette verloren hatte. Da saßen die alten Freunde, die »Bande« aus der Karlsschule beisammen: da war Scharffenstein, welcher Offizier beim Gablenzschen Regiment war, Petersen, der als Bibliothekar in Stuttgart lebte, Hoven, der als Arzt sich in Ludwigsburg niedergelassen hatte, Haug, Heideloff, Wilhelm von Wolzogen und der Stubengenosse Schillers, der Leutnant Kapf, ein leichtlebiger, genußsüchtiger Mensch, der vielleicht nicht der beste Kamerad für Schiller war.

Die Gläser klangen, und lustige Reden gingen hin und her. »'s ist doch hübscher als in der Karlsschule; aber nichtsdestoweniger soll sie leben und ihr durchlauchtiger Stifter auch,« rief Scharffenstein. »Vivat!«

»Kronenbitter, lange Er einmal die Sünden herum!« rief Schiller jetzt seinem Faktotum zu, das in einer Ecke des Zimmers stand und mit einem stumpfen Lächeln dem Treiben zuschaute. Es war ein langer, schlottriger Kerl mit einem gutmütigen Gesicht, aus dem eine große rote Nase mit verräterischem Schimmer herausleuchtete; er steckte in einer verschlissenen und geflickten Uniform, und wie er jetzt mit seinen langen Beinen in den Winkel stelzte, wo das erwähnte »Stillleben« zu sehen war, schauten ihm alle nach, und Hoven sagte lachend: »Ein Musterexemplar von Augés Grenadieren!«

»Das muß wahr sein,« fügte der satirische Haug bei, »zum schönsten Regiment hat dich unser lieber Vater nicht gesteckt, Schiller. Die Kerle haben mehr Flicken auf der Montur als heile Stellen, und wenn mich auf der Straße einer anbettelt, an dessen Kamisol man nicht mehr die Farbe erkennt, und dessen Beinkleider durchgeschabt sind, daß die nackten Waden herausschauen, dann meine ich immer, das müßte ein Deserteur von Augé sein.«

Kronenbitter lächelte süßsauer, indem er den linken breiten Mundwinkel in die Höhe zog, und stellte nun die »Sünden« auf den Tisch in Gestalt von Knackwürsten, die man noch nach der Gewohnheit der Schule so bezeichnete.

»So, nun langt zu, Kerls,« sagte Schiller, »ist's nicht eine üppige Schlamperei? Donner noch einmal, arme Schlucker sind wir allesamt geblieben, und Schande ist's nicht, jeden Tag Kartoffelsalat zu essen. – Und jetzt noch die Pfeifen! Kronenbitter!«

»Lauter Sünden!« knurrte das Faktotum mit dem grinsenden Munde, und aus einem anderen Winkel holte er die langrohrigen Pfeifen und setzte ein Kästchen mit Tabak auf den Tisch. Bald darauf begann ein lustiges Qualmen, und die kleine Gesellschaft hüllte sich in dichte blaugraue Wolken, bis einer anstimmte:

Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne,
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind hantieren wir,
Der Mond ist uns're Sonne.