Es war das Lied der »Räuber« aus Schillers Theaterstück, und die ehemaligen Mitglieder der »Bande« kannten es alle und sangen es im Chor. Als sie zu Ende waren, rief Petersen: »Die ›Räuber‹ sollen leben und ihr Dichter dazu!«
»Hurra, die Räuber!« schrien alle, und Kronenbitter stand wie in blassem Entsetzen da und faltete die Hände, indes ihm die Knie schlotterten. Schiller aber erhob sich: »Freunde, ich danke euch und freue mich zugleich, in dieser Stunde euch ein Zeichen der Erinnerung an unsere Heimlichkeit auf der Akademie überreichen zu können. Nehmt's freundlich auf!«
Er schritt nach dem Winkel, wo die Ballen lagen, und kehrte mit einem halben Dutzend kleiner Bücher in den Händen zurück; er warf sie auf die Tischplatte unter die Genossen: »Langt zu – es sind Gastgeschenke, Kinder!«
Alle Hände griffen nach den Spenden, und aus mehr als einem Munde scholl es verwundert: »Die ›Räuber‹! Und ohne Namen des Verfassers, gedruckt in Tobolsk!«
»So, da ist also der Kram in Gottes Namen und ohne alle Kundschaft veranstaltet,« rief Scharffenstein, »und wir alle wollen Buchhändler sein und das Zeug unter die Leute zu bringen suchen, denn der Druck sieht mir nicht aus, wie wenn er bezahlt wäre!«
»Er hat eine feine Nase, der Scharffenstein, – als ob ich bei achtzehn Gulden Monatsgage auch noch Bücher für mein Geld könnte drucken lassen! Aber wenn's glückt, Kerls, so sag' ich euch, ich zahl' euch ein lukullisches Festmahl, und die ganze Manille[2] soll im Burgunder toll und voll werden!«
»Soll gelten!« rief Scharffenstein, und als ob man schon so weit wäre, klangen lustiger die Becher, und die Rauchwolken wurden dichter. – –
Ja, die »Räuber« waren erschienen, und jeden Morgen sah der Regimentsmedikus sich die bedeutsamen Ballen an, welche gar nicht abnehmen wollten, und der Gedanke, daß er mit dem Selbstverlage ein schlechtes Geschäft gemacht haben werde, drängte sich ihm immer mehr auf. Und doch hatte er auch manche Freude. Die Mutter seines Freundes Wilhelm von Wolzogen faßte für ihn ein lebhaftes Interesse und lud ihn zum Besuche in ihr Haus, und hier verlebte der junge Dichter im Verkehr mit der liebenswürdigen, herzensguten Dame, der Witwe eines Geheimen Legationsrats, und mit deren Tochter Charlotte manche angenehme Stunde; ja, er hatte die Freude, die Damen auch mit seiner Mutter und seinen Schwestern bekannt machen zu können, und so entspann sich zwischen Stuttgart und der Solitüde ein freundlicher Verkehr.
Die Wohnung des Intendanten Schiller sah in jenen Tagen überhaupt häufig lustige Gäste, und die Mutter des Dichters war glücklich, wenn sie ihren Sohn und einige seiner Freunde bei sich sehen und mit dem bewirten konnte, was das Haus zu liefern imstande war. Da flogen die Stunden nur zu rasch dahin, und nur mit Unbehagen ging der Regimentsmedikus aus dem heitern, freundlichen Kreise in seine Junggesellenwohnung nach Stuttgart zurück.